„Aber Tante, du wirst doch nicht glauben, daß Felix ...“ Adele war so erregt, daß sie mit ihren Zähnen auf die Lippen biß, um ja kein unüberlegtes Wort zu sagen. Ihre Hände krampften sich fest in die Falten ihres Kleides.
„Daß es der Felix auch tun wird, das glaub’ ich allerdings!“ versetzte die Apothekerin mit Nachdruck und sah kampfbereit zu der jungen Frau empor. Ihre dunklen Augen wurden dabei immer größer und rundeten sich wie die Augen einer fetten Henne, die einer andern ein Stückchen Futter streitig machen will. „Denn, wenn man einmal eine Gelegenheit findet,“ fuhr Frau Therese jetzt energischer werdend fort, „sich ein Geld zu verdienen, dann tut man halt eben arbeiten und nicht immer den noblen Herrn spielen und spazieren gehen und ...“
„Aber Felix ist ein Künstler!“ stieß die junge Frau fast keuchend hervor. „Begreifst du denn gar nicht, Tante, er ist doch kein Anstreicher!“
„Künstler hin, Künstler her! Hör’ du mir mit der ganzen Künstlerschaft auf! Ein Anstreicher ist besser dran und überhaupt ...“
Adele Altwirth trat jetzt mit ruhiger Entschlossenheit ganz nahe vor die Apothekerin hin und sah mit stolzem Ernst zu der kleinen, gedrungenen Gestalt herab. Es lag etwas hoheitsvoll Gebieterisches in der Haltung der jungen Frau.
„Tante,“ sprach Adele mit einer unheimlichen Ruhe, „ich erkläre dir hiermit, daß ich dem Felix kein Wort von dieser unerhörten Zumutung sagen werde.“
„So? Das tust du also nicht? Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“
„Weil Felix ein Künstler ist! Weil ihn so ein Antrag entehrt, demütigt, beschmutzt! Aber das verstehst du ja alles nicht!“ unterbrach sich Adele selbst unwillig.
„Weißt aber, was ich versteh’?“ sagte da die Apothekerin und stemmte ihre beiden Arme fest und herausfordernd in die Hüften. „Daß du a überspanntes Frauenzimmer bist, a narrisches! Jetzt weißt du’s, was du bist! Du Nocken, du eingebildete!“ fing die Apothekerin nun in ihrem schönsten Kothlacknerdeutsch zu schimpfen an.
Die lange aufgespeicherte Galle brach sich jetzt mit elementarer Kraft Bahn. Es war Frau Therese Tiefenbrunner ein dringendes Herzensbedürfnis, sich einmal Luft zu machen und ihren ganzen Ärger und ihre Enttäuschung herauszuschreien. In einem rasend schnellen Tempo, das seltsam abstach zu ihrer sonstigen langsamen, breiten Redeweise, schrie sie nun auf die junge Frau ein ... „A unverschämte Bande seid’s, alle miteinander! Bettelvolk! Tagdiab’! Die nix haben und ander’ Leut auf der Schüssel sitzen! Schamen muaß man si’ mit enk. Nix können tuat er! Gar nix kann er! Daß du’s woaßt!“ Mit hämischer Freude betonte die Apothekerin dieses noch besonders nachdrücklich: „Der Patscheider hat’s aa g’sagt, daß er nix kann! Alle sagen sie’s in Innsbruck! Und wahr ist’s!“