Adele stand jetzt ganz ruhig vor der Frau, die ihr in diesem Augenblick so klein, so erbärmlich und so gemein vorkam. Fast mitleidig sah sie auf Frau Therese Tiefenbrunner herab. Eine tödliche Blässe bedeckte noch immer die strengen, regelmäßigen Züge der jungen Frau. Aber die große Aufregung, in der sie sich befunden hatte, war mit einem Male vergangen und hatte einer ruhigen Überlegung Platz gemacht.

Je mehr sich die Apothekerin in Zorn schrie, je mehr sie es unternahm, Felix und Adele zu erniedrigen, desto freier, ruhiger und sicherer überlegte Adele. Und ohne die Spur einer inneren Erregung frug sie ganz ruhig: „Du glaubst also nicht an Felix, Tante?“

Frau Therese Tiefenbrunner schüttelte den Kopf, so fest sie konnte. „Naa!“ sagte sie dann. Das klang so ehrlich, so energisch, so überzeugt, daß ein Irrtum unmöglich war.

„Dann war es ein großes Unrecht von uns, daß wir Geld von dir nahmen, Tante!“ fuhr Adele mit ihrer schönen, weichen Stimme zu reden fort. „Wir glaubten, du schätztest den Künstler, du wolltest ihm helfen, über die Zeit der Not hinweg. Darum durften wir dein Geld nehmen, aber ein Almosen nehmen wir nicht!“

Ruhig und gelassen schritt Frau Adele zur Tür ihres kleinen Wohnzimmers und öffnete dieselbe. „Denk von uns, was du willst! Schlechter, als du schon gedacht hast, kannst du nicht mehr denken. Aber so erbärmlich sind wir nicht, daß wir auch nur mehr ein Stück Brot von dir nehmen würden. So, jetzt geh ... geh und komme nie wieder! Nie ... hörst du, Tante!“

Mit ruhiger, fast königlicher Haltung stand Adele vor der Apothekerin, die ganz kleinlaut und ohne ein Wort der Erwiderung zu finden an ihr vorüber durch die Tür ging. Schnell und hastig ging sie, und einen scheuen, flüchtigen Blick, der beinahe etwas Demütiges an sich hatte, warf sie noch auf die junge Frau.

Frau Therese Tiefenbrunner begriff den eigentlichen Grund nicht, warum Adele ihr die Tür gewiesen hatte. Sie empfand es jedoch instinktiv, daß dies jetzt ein Bruch fürs Leben war. Und da es so ruhig und vornehm geschah, hatte sie das unangenehme Gefühl eines gezüchtigten Hundes. Das empörte sie und stachelte sie auf zu namenloser Wut und tiefem Ingrimm. Das machte sie Adele und Felix hassen, wie sie noch nichts gehaßt hatte im Leben.

Je länger und je mehr sie darüber nachdachte, um so empörter wurde sie. Mochten sie verkommen, das Pack! Ihr, der Wohltäterin, hatten sie in krassem Undank die Tür gewiesen!

Überall schrie es Frau Therese Tiefenbrunner in Innsbruck herum. Stellte fest, daß Felix und Adele eine hochmütige Bagasch seien, und daß sie sich von ihnen habe lossagen müssen, da man mit „solchenen“ doch unmöglich weiter verkehren könne ...

Auch dem Rat Leonhard kam die Sache zu Ohren. Der hörte alles ruhig an, mit der unbeweglichen Miene eines Untersuchungsrichters, und erwiderte kein Wort. Er wollte sich kein Urteil bilden, der alte Herr. Wie er es hörte, sprach es gegen die Altwirths. Es würde aber doch wohl anders sein, dachte er bei sich. Der Rat Leonhard nahm sich vor, von nun an ganz besonders scharf aufzupassen auf das Paar da droben bei der Weiherburg. Jetzt war er ja der einzige Freund, den die Altwirths besaßen ...