Felix und Adele atmeten auf, wie von einem schweren Alp befreit. Gott sei gelobt! Nur nicht mehr diese Frau um sich dulden zu müssen! Danken müssen, wo man am liebsten ingrimmig geflucht hätte!... Felix fühlte sich erlöst. Trotz der drohenden Not befreit von schwerer Last. Einige Tage hindurch lebten die beiden in einem wahren Freudentaumel und dachten gar nicht daran, daß sie noch immer von den Gaben der Frau Therese Tiefenbrunner zehrten ...
Es war mitten im Januar, und es herrschte die größte Kälte des ganzen Winters. Hartgefrorner Schnee lag überall, glitzerte im Sonnenschein und wollte sich nicht erweichen lassen durch die verheißungsvollen Strahlen. Dichte Schneehauben hatten die Dächer der Häuser und Häuschen aufgesetzt, welche an dem zur Weiherburg führenden Abhang verstreut lagerten. Der Weg zur Weiherburg war stark vereist. Nur schrittweise konnte man da vorwärts kommen und mußte achtgeben, daß man nicht ausglitt auf dem eisigen Boden.
Der alte Rat Leonhard wanderte aber trotzdem den gewohnten Weg. Langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt berechnend, als ob er auf Eiern ginge. Heute hielt er jedoch Einkehr in dem kleinen Häuschen, um bei den Altwirths einmal Besuch zu machen.
Das hatte er noch nie getan. Er war auch gerade kein unterhaltender Besuch. Sprach wenig und wetzte unausgesetzt auf seinem Sessel hin und her. Felix und Adele wunderten sich, was der alte Herr eigentlich bei ihnen wollte. Adele gab sich alle Mühe, die Unterhaltung, so gut es ging, in Fluß zu bringen. Aber es wollte ihr nicht recht glücken.
Endlich gab sich der alte Herr einen Ruck. „Sie werden Ihnen gewiß wundern, warum ich da bin, Herr Altwirth!“ sagte er und machte alle Anstrengung, deren er fähig war, um eine freundliche Miene aufzusetzen. „Die Sach’ ist die. Ich weiß, daß der Patscheider eine Stiftung für Tiroler Künstler errichtet, so eine Art Stipendium. Ich versteh’ die Sach’ nit, aber ich hab’ mir gedacht, vielleicht interessieren Sie Ihnen dafür.“ Der alte Herr sah mit einem kurzen, scharfen Blick zuerst auf Felix und dann von diesem weg zu Adele, die neben ihm saß.
Felix machte eine zustimmende Verbeugung. „Ich danke sehr, Herr Rat!“ sagte er dann. „Natürlich ...“
„Der Patscheider hat’s Geld und macht sich gerne wichtig. Sie verstehen schon!“ sprach der alte Herr, sich ziemlich jäh erhebend. „Es wird gut sein, wenn Sie Ihnen gleich bekümmern drum. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ist a alte G’schicht’!“
Und dann begab sich der Rat Leonhard mit langsamen, schleichenden Schritten gegen den Ausgang und verbeugte sich einige Male sehr linkisch und hölzern vor Adele. Die junge Frau hielt ihm herzlich die Hand entgegen. Sie erriet es, daß ihnen an dem alten Herrn ein echter Freund erstanden war. „Wir danken Ihnen aufrichtig, Herr Rat!“ sagte sie warm. „Sie sind gut zu uns.“
Einen Augenblick sah der alte Herr scharf zu der blonden Frau empor. Es war ein fast stechender Blick, der sie aus seinen kleinen, dunklen Augen traf. Eigentlich war es heute das erstemal, daß der Herr Rat mit ihr sprach. Sonst hatte er es stets bei einem flüchtigen Gruß bewenden lassen.
Der Rat Leonhard gab auf den Dank der jungen Frau keine Antwort, sondern wandte ihr plötzlich den Rücken zu. Das geschah so jäh und unvermittelt, als habe ihn Adele durch ihren Dank beleidigt. Die junge Frau konnte sich unmöglich darüber klar werden, ob die kurze, blitzartige Musterung, der sie der alte Herr unterworfen hatte, zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war oder nicht.