Adele schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Felix ...“ sagte sie ruhig. „Ich dachte nur ... du weißt, es ist mir peinlich ... ich habe doch schon eine Anzahlung angenommen vom Rat Leonhard.“

„Ja, ja, ja,“ machte Felix ungeduldig. „Immer dieses gewaltsame Herabdrücken! Immer diese graue, graue Stimmung! Dieser Realismus! Diese unerträgliche Nüchternheit! Der Rat wird’s ja hoffentlich noch erwarten können, bis er zu seinem Bilde kommt!“

Adele erwiderte kein Wort mehr. Sie erhob sich lautlos von ihrem Sitz und ging hinaus in den kleinen Garten, wo ihr Töchterchen spielte. Und dann warteten sie beide, Mutter und Kind, und sahen die Anhöhe hinunter, über die der Rat Leonhard heraufkommen mußte ...

Es waren lustige Sitzungen bei dem Maler Altwirth, die nun folgten. Und immer länger dehnten sie sich aus. Ein regelrechter Flirt war zwischen Sophie und dem Maler entstanden. Adele sah es wohl. Sie bemerkte es nicht allein an dem völlig veränderten Wesen ihres Mannes, sondern auch an seinem Eifer, mit dem er bei der Sache war, und an der liebevollen Ausarbeitung des Werkes. Jeder Pinselstrich zeugte von einem eingehenden Studium, zeugte, daß der Künstler sein Bestes geben wollte und sein Bestes gab.

Adele Altwirth wußte es selbst nicht, was sie innerlich so unruhig machte. Denn sie war nicht nur unruhig, sondern in tiefster Seele unglücklich über die täglichen Besuche der jungen Frau Doktor Rapp.

War es Eifersucht? ... Adele Altwirth hatte in dem Wahn gelebt, daß sie über diese Empfindung erhaben sei. Sie hatte bisher mit ihrem Gatten in einem gegenseitigen selbstverständlichen Vertrauen gelebt. Und ihre ruhige Sicherheit fußte zum größten Teil auf der Grundlage einer gewissen Selbstachtung, auf dem Bewußtsein des eigenen Wertes.

Diese Selbstsicherheit hatte nun mit einem Male eine Erschütterung erlitten. Die auffallende Veränderung in Felix, sein ungewöhnlicher Fleiß und sein Schaffensdrang, die Freude und die Lust an seiner Arbeit und die fröhliche, strahlende Art, die sie so lange an ihm vermißt hatte, bewirkten eine zunehmende Angst in Frau Adele.

Felix war jetzt stets lieb und freundlich zu ihr. Sprach viel und hoffnungsfroh und kümmerte sich auch wieder um die kleine Dora, die in den letzten Wochen fast ganz unbeachtet von ihm geblieben war. Das Kind war ihm schon ausgewichen, und nur mit scheuen und etwas verschüchterten Augen hatte sie den Vater betrachtet, der ihr in diesen Wochen so fremd geworden war.

Sophie Rapp und Adele Altwirth wußten wenig miteinander anzufangen. Es war keine Abneigung, die sie einander fern hielt. Aber es war auch kein Gefühl der gegenseitigen Sympathie vorhanden, das eine Annäherung ermöglicht hätte. Adele war jedesmal froh und dankte es Felix, wenn er der höflichen Begrüßung zwischen den beiden Frauen ein rasches Ende zu bereiten suchte.

„Denken’s nur, Frau Altwirth,“ sagte die Sophie einmal, als sie neben der blonden Frau das kleine Atelier betrat, „Ihr Mann hat g’sagt, gleich wie er das Porträt fertig hat, will er mich noch einmal malen. Als Studie!“ lachte sie heiter und sah kokett nach Felix, der schweigend hinter den Damen ging.