Es war ein schönes Bild, diese beiden großen und gut gewachsenen Frauen nebeneinander zu sehen und zu vergleichen. Adele schlank, weich und edel in jeder Bewegung, blond und hell und von ruhigem, sich gleichbleibendem Ernst. Und neben ihr die üppige Gestalt der dunklen Frau, lebhaftig und lustig und feurig, wie erfüllt von verhaltener Glut.

Gerade jetzt nahm Frau Sophie mit lebhafter Gebärde ihren Hut ab. Mit beiden Armen streckte sie sich, dehnte sich, als müsse sie gewaltsam gegen eine Überfülle von Kraft kämpfen, um sie einzudämmen. Hinter ihr stand Felix und wartete darauf, ihr galant den Mantel abzunehmen.

Sein Gesicht war leicht gerötet, und ein vibrierendes Beben zuckte um seinen vollen Mund, als er sich gegen Sophie beugte. Schmiegsam und graziös neigte sich die junge Frau ihm entgegen, sah ihm nur für einen Moment mit einem glühenden Blick in die Augen und wandte sich dann vollständig ruhig wieder Adelen zu.

Adele Altwirth hatte mit klugen, beobachtenden Augen gesehen, und sie erkannte mit einem Male, was der brennende Schmerz, den sie empfand, bedeutete. Sie wußte, es war nicht nur weibliche Eifersucht, sondern die Erkenntnis, daß sie nie in ihrem Leben dieses bebende Zucken um den Mund des Gatten gesehen hatte. Und es wurde ihr klar, daß es heißes, verlangendes Begehren nach dem Weibe war, in dessen lockende Netze er sich verstrickt hatte.

Still und ruhig, aber mit wehwundem Herzen nahm Frau Adele ihr kleines Töchterchen bei der Hand und ging mit ihr fort, weit hinunter über den Berg, fast bis Sankt Nikolaus. Dort trafen die beiden mit dem alten Rat zusammen, den Mutter und Kind nun alle zwei gleich lieb gewonnen hatten. Sie nahmen ihn in ihre Mitte. Das Kind führte ihn bei der Hand, und Adele sprach zu ihm, als wäre der alte, wunderliche Sonderling, der mit verdrießlichem Gesicht, leise und geduckt, den Kopf leicht nach der einen Seite geneigt, einherging, ihr eigener Vater, der beste und einzige Freund, den die junge, blasse Frau besaß ...

In dem kleinen Atelier des Malers Felix Altwirth herrschte indessen eine schwüle Luft. Es war ein einfaches, schlichtes, fast ärmliches Zimmer, das sich Felix als seinen Arbeitsraum eingerichtet hatte. Einige Stühle standen da in künstlerischer Unordnung herum. Bilder und Zeichnungen, flüchtige Skizzen und Entwürfe hingen teilweise an den Wänden, teilweise waren sie in einer Ecke aufgestapelt. Ein Vorhang von hellgelbem, grobem Leinen verdeckte nur den obersten Teil des Doppelfensters. Der Flügel des einen Fensters war geöffnet. Eine laue, weiche Luft wehte herein und bewegte in leichtem Rhythmus den Vorhang.

Noch immer lagerte der Schnee auf Weg und Halde. Aber im Tal hatten die wärmenden Sonnenstrahlen ihn schon da und dort zur Schmelze gebracht. Es tropfte von den Bäumen und Dächern, und die kleinen, braunschwarzen, feuchten Zweige und Äste sahen dunkel und sehnsüchtig aus und reckten sich erwartungsvoll dem nahen Lenz entgegen.

Sophie Rapp saß in einem Lehnsessel in der Nähe des Fensters, leicht und bequem. Es war eine fast liegende Stellung. Ihren rechten Arm hatte die junge Frau als Stütze unter ihren Kopf geschoben, und ihre Augen hielt sie geschlossen, als verspüre sie ein unüberwindliches Ruhebedürfnis. In Wahrheit aber wollte sie mit Ruhe den Eindruck genießen, den sie auf Felix Altwirth machte.

Die einstige Neigung zu Felix war in Sophie wieder mächtig aufgelodert. Sie gab sich auch gar keine Mühe, diese neu erwachte Leidenschaft zu bezwingen. Im Gegenteil freute sie sich darüber wie über eine neue Sensation, nährte ihre Leidenschaft und tat alles, was sie konnte, um die Sinne des Mannes aufzustacheln. Sie wollte ihn reizen, bis er ihr verfallen war. Wie alle die andern, deren Liebe sie ersehnt hatte.

Felix Altwirth kämpfte tapfer gegen den Zauber, mit dem ihn Sophie umgarnte. Und mehr als einmal widerstand er den Lockungen der Sirene. Er wollte sich überwinden und seinem Weibe die Treue halten.