Trotz allen seinen Launen, trotz allen Vorwürfen, mit denen er Adele in schweren Stunden gequält hatte, war er sich ihres Wertes vollkommen bewußt. Hing mit achtungsvoller Liebe an ihr. War ihr dankbar für die Nachsicht, die sie mit ihm hatte.

Jedoch mit der sensibeln Empfänglichkeit des Künstlers war Felix Altwirth schon in ganz kurzer Frist dem Sinnenreiz erlegen, den Frau Sophie Rapp auf ihn ausströmte. Ihre Gegenwart wirkte auf ihn wie schwerer Wein, der ihm die Sinne zu umnebeln drohte.

Sie fühlte sein Beben und wußte, daß er sich nur mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft bezwang, um sie nicht an sich zu reißen. Und je stärker er sich zeigte, desto heißer entflammte sie, desto mehr begehrte sie ihn zu besitzen.

Es war ein stummer Kampf zwischen den beiden. Ein Kampf, in dem das Weib mit Bestimmtheit wußte, daß der Mann unterliegen würde ...

Wie Frau Sophie jetzt nachlässig in dem Lehnstuhl saß, öffnete sie ab und zu leicht die Augen und sah hinüber zu dem Manne, der anscheinend ganz vertieft in seine Arbeit war und nur den prüfenden Blick des Künstlers für sie übrig hatte. Aber Sophie sah die hektische Röte in seinem Gesicht und sah die leise bebenden Lippen, die er fest wie im Schmerz aufeinander preßte. Seine großen blauen Augen leuchteten in unnatürlichem Glanz, und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.

Da plötzlich dehnte sich Sophie langsam und müde. Dehnte die halb entblößten, vollen Arme und reckte ihre Glieder weich und biegsam und mit den geschmeidigen Bewegungen eines schönen Raubtieres.

„Ach, Felix, wenn nit Sie’s wären ...“ sagte sie dann träge, „ich tät’ wirklich nit so lang da herhalten. Es wird wirklich schon a bissel fad’. Gehen’s, kommen’s zu mir da her a bissel! Gönnen’s mir a Ruh!“ bat sie mit leiser Stimme.

Felix warf seinen Pinsel beiseite und kam zögernd näher.

„Wir müssen das Licht ausnützen, gnädige Frau ...“ sagte er stockend und sah sie mit unsicherem Blick an.

„Ja, freilich! Ich weiß schon.“ Sophie tat, als ob sie schlafen wollte, und schloß die Augen. Dann sagte sie weich: „Ich will auch gleich wieder brav sein. Nur ein bissel plauschen!“ bat sie. „Ich schlaf’ sonst ein.“