„Hat Haar’ auf die Zähnd, die Ennemoserin!“ sagte der Tischlergesell nicht ohne Bewunderung und trat einige Schritte vor ihr zurück.
Der Schuster Naz forderte den langen Schmied auf: „Schmied, hau’ ihm oane in die Fotzen, dem Karrner!“
Die Ennemoserin war eine große, hagere Frau, nicht mehr weit von sechzig Jahren entfernt. Sie hatte ein blasses, strenges Gesicht und hellblonde Haare, die kaum ergraut waren und die sie glatt gescheitelt trug. Die dunkle Kleidung war höchst einfach, aber äußerst sauber. Das Auftreten der Ennemoserin war barsch und resolut. Mit Energie bahnte sie sich auch jetzt den Weg durch die versammelten Leute und ging hinüber zu dem braunen Mädel, das noch immer leise vor sich hinweinte.
Der Tonl hatte sich neben die Sophie gesetzt, mitten in den Schmutz hinein. Steckte den Daumen in den Mund und sah recht verzagt und hilflos drein. Er war selber dem Weinen nahe, und sein kleines Stumpfnäschen tropfte schon recht bedenklich.
„Nit rearen, Sophal ... Tonl nit haben wollen!“ tröstete das Bübel das braune Mädel mit weinerlicher Stimme und fuhr ihr mit seiner feuchten und schmutzigen Hand streichelnd über das Gesicht.
Die Ennemoserin beugte sich über das mißhandelte Kind. Neugierig näherten sich die weißblonden Karrnerkinder. Eins nach dem andern kamen sie heran und sahen auf die große, hagere Frau.
Diese hob mit kräftigem Arm die Sophie empor und setzte sie sanft auf den Boden, so daß der Kopf des Kindes eine Stütze an den Knien der Frau fand. Mit ihrem großen bunten Taschentuch säuberte die Ennemoserin das braune Gesicht des Karrnermädels, so gut sie es vermochte. Ihre groben Arbeitshände waren zart und lind, als sie dem Mädel die arg zerrauften Haare aus der nassen Stirn strich. Und ihre harte Stimme klang weich, als sie leise zu ihr sagte „Arm’s Madel, ist er oft so zu dir?“
Die kleine Sophie sah forschend und verwundert zu der fremden Frau hinauf. Sie hatte wenig Liebe genossen in ihrem jungen Leben, fast nur Härte und Grausamkeit. Die Liebe ihrer Mutter fühlte sie nur dann, wenn diese sich, wie das heute der Fall war, für ihr Kind von dem Karrner prügeln ließ. Dann wußte es die Sophie, daß sie doch einen Menschen besaß, der zu ihr gehörte und der sie wohl auch lieb haben mußte, weil er für sie zu leiden verstand.
Benedikta Zöttl kümmerte sich wenig um das Mädel. Zärtlichkeiten sind unbekannte Dinge bei den Karrnern. Und doch hängen sie mit einer Art blinder Liebe an ihren Kindern.
Die Sophie war stets herumgepufft und herumgestoßen worden. Sie mußte springen und arbeiten und die kleineren Geschwister warten. Selten fiel ein gutes Wort für sie ab. Fremde Menschen schalten sie als Karrnerfratzen. Und sie fühlte es deutlich, daß sie von ihnen verachtet wurde, daß man die Türen mißtrauisch vor ihr versperrte.