Das braune Mädel machte sich nicht viel daraus. Sie streckte den Leuten die Zunge heraus, drehte ihnen eine lange Nase und bestahl sie zu einer Art Vergeltung, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bot. Und wenn man sie schlug, dann schlug sie zurück und biß und kratzte und wehrte sich mit affenartiger Behendigkeit.

So wuchs die Sophie heran und wußte wenig Gutes vom Leben. Und doch barg das Mädel eine heiße Sehnsucht nach Liebe und Güte in ihrem jungen Herzen. Das zeigte sie aber bei Leibe nicht. Sie hätte sich vor sich selber geschämt, wenn jemand eine Ahnung von ihrem Sehnen gehabt hätte.

Sie hatte es manchmal auf ihren Wanderungen und Bettelgängen mit angesehen, daß eine Mutter ihr Kind herzte. Dann war es der Sophie heiß in die Augen gestiegen, und ein bitterer Geschmack kam ihr in die Kehle. Sie hatte es aber jedesmal tapfer überwunden. Und dann tat sie was Garstiges. Ging hin zu der Mutter, die mit weicher Hand ihr Kind liebkoste, und bestahl sie, oder sie bettelte sie an. Und zum Dank für die Gabe beschimpfte sie die Frau und lief dann wie eine junge Hexe davon.

Die kleine Sophie haßte diese Menschen. Sie haßte sie deswegen, weil sie Liebe geben konnten und sie sich selber davon ausgeschlossen fühlte. Sie war ein garstiges, böses Kind, die Sophie. Das wußte sie selbst. Wozu sollte sie auch anders sein? ... Sie mochten sie ja doch alle nicht leiden. Niemand mochte sie. Nur der Tonl, der hing an ihr, und sie war anders zu ihm, wie zu den übrigen Kindern. Sie liebte dieses Kind mit einer fast leidenschaftlichen Liebe.

Der Tonl war so ganz anders geartet als die übrigen Geschwister. Er zankte sich nicht und prügelte sich nicht mit ihnen; er war verschüchtert und weinte gern. Die Sophie fühlte es instinktiv, daß der Bub gleich ihr Sehnsucht nach jenen kleinen Äußerungen der Zärtlichkeit und der Besorgtheit hatte, für die Kinderherzen so empfänglich sind. Diese Sehnsucht nach Liebe führte die beiden Kinder zusammen, daß sie einander alles wurden und auch für einander Übles erduldeten.

Gaudenz Keil sah mit einem bösen Blick auf die Ennemoserin. „Laß mei’ Madel in Ruh, Weib!“ rief er mit scharfer Stimme.

„Dei’ Madel!“ höhnte die Benedikta. „Mei’ Madel ist sie, nit deins!“ schrie sie leidenschaftlich.

Die Ennemoserin näherte sich der Karrnerin.

„Hast sie vor der Eh’ g’habt?“ frug sie.

Der Karrner brach in ein lautes, rohes Lachen aus. „Eh’! Das gibst guat!“ wieherte er.