Es war ein entzückendes kleines Haus in freier, herrlicher Lage, mit einem großen Garten ringsherum, den der Rechtsanwalt in den Stunden seiner Erholung selbst bebaute und pflegte. Da stand er oft wie ein Arbeiter, hemdärmelig mit Spaten und Schaufel. Wühlte in der Erde, setzte Blumen und Sträucher ein und legte sich auch eine kleine Obstzucht an. Valentin Rapp hatte viel Liebe zur Natur und fühlte den gesunden Trieb zu körperlicher Betätigung in sich.

So sehr sich der Rechtsanwalt in früheren Zeiten gegen eine Verheiratung und gegen ein eigenes Heim gesträubt hatte, so viel Sinn und Verständnis für die Ausgestaltung eines solchen bewies er in den Jahren seiner Ehe. Er liebte sein Heim, das für ihn so viel trauliches Glück barg, schmückte es mit Liebe und Hingebung aus und hielt es wie ein Heiligtum.

Vor diesem kleinen Reich, wie er seinen Besitz nannte, mußte die Sorge Halt machen. Dort durften Mißgunst und hämischer Neid nicht einkehren. Mit aller Energie hatte sich der Rechtsanwalt Ruhe vor dem Gerede der Leute verschafft. Er wollte sein Glück und sein Leben genießen, wie es sich ihm darbot. Nicht in quälende Zweifel verloren und ohne Trübung wollte er die Stunden der Ruhe und Erholung ausnützen.

Doktor Rapp hatte es noch nie bereut, daß er die Sophie zur Frau genommen hatte. Er freute sich über sie. War stolz auf ihre Fähigkeit, sich den veränderten Lebensbedingungen so geschickt anzupassen, und war selig über das Maß der Liebe, das sie ihm noch immer gewährte.

Wohl war auch zu ihm das Gerücht gedrungen von der Untreue seiner Frau. Aber Valentin Rapp glaubte den Leuten nicht. Er wußte, wie viel Unheil Mißgunst und Neid in den Ehen der Menschen anzurichten vermochten. Er wußte, daß es in solchen Fällen galt, reinen Tisch zu halten und Freunden die Tür zu weisen, die an seinem Glück zu zweifeln wagten.

Er hielt sich für einzig dazu berechtigt, über Sophie zu urteilen, und er hielt sich auch für den einzigen Menschen, der imstande war, Sophiens Charakter und ihre Liebe richtig einzuschätzen.

Dem Rechtsanwalt war es kein Geheimnis, daß seine Frau viel Verehrung und Bewunderung genoß, und er freute sich darüber. Es war ihm willkommen, wenn man ihr huldigte. Es bedeutete für ihn eine Genugtuung, sich um den Besitz dieser schönen Frau beneidet zu wissen.

Auch ihr kokettes Spiel mit den Männern kannte er von früher her, wußte, daß sie damals rein geblieben war, und mißtraute ihr auch jetzt nicht. Gerade dieses kokette Spiel war es ja gewesen, das ihn damals so gereizt und ihn so weit gebracht hatte, daß er Sophie heiratete.

Warum sollte er von ihr verlangen, daß sie jetzt, da sie seine Frau geworden war, anders werden müsse ... hausbacken und nüchtern? Warum sollte sie ihrem Naturell Gewalt antun?

Der Rechtsanwalt hatte einen felsenfesten Glauben an die Treue seiner Frau. Schon deshalb, weil er sich immer und zu jeder Zeit von ihrer Liebe umsorgt fühlte und sich daher auch für den Mittelpunkt ihres ganzen Lebens halten konnte. Sophie war klug genug, diesen Glauben immer mehr zu stärken durch eine liebevolle, fast sklavische Hingebung und durch vollständige Unterordnung unter den Willen und die Launen ihres Mannes.