Diese Frau verstand es, gut und nachgiebig und sanft zu sein und demütig. So schmeichelte sie seinem Ehrgeiz und seiner Selbstherrlichkeit und befestigte in ihm auf diese Art das eingebildete Bewußtsein, daß er Herr über sie sei, während er in Wirklichkeit ein Werkzeug war in ihren Händen wie alle die andern.

Immer wieder zeigte sie es ihm und sagte es auch mit Worten, daß sie ihm dankbar war für die Lebensstellung, die seine Liebe ihr gegeben hatte. Und darin sagte sie die Wahrheit. Sie war ihm dankbar. Liebte ihn deswegen und ertrug willig und ohne Murren die vielen kleinen Launen, die sich mit der Zeit bei dem alternden Manne einstellten. Sie umgab ihn täglich mit so zahlreichen kleinen Zärtlichkeiten, daß er ohne besondere Illusion in der Überzeugung leben konnte, ihr einziger Geliebter zu sein.

Manchmal, in den ersten Jahren ihrer Ehe hatte ihn ihr heißes Aufflammen erschreckt und ein wenig besorgt gemacht. Dann aber war sie ruhiger geworden, steter und gleichmäßiger. Und Doktor Rapp war es zufrieden. Er glaubte, daß es ihm gelungen sei, ihr aufloderndes Temperament in ruhigere Bahnen zu leiten, und war froh, diese Klippe so geschickt überwunden zu haben.

Dann kamen die guten Freunde und sprachen ihm von der Untreue der Frau, und Valentin Rapp wurde unruhig. Ein leises Mißtrauen blieb zurück. Sophie fühlte es und verscheuchte mit ihrer Liebe die aufkeimenden Zweifel und machte ihn so sicher, daß er resolut und fest allen die Tür wies, die ihm von seiner Frau nachteilig sprechen wollten.

„Haben Sie sie gesehen?“

„Nein!“

„Nicht? Dann sind es nur Vermutungen. Auf bloße Vermutungen hin fällt man kein Urteil, auch wenn der Schein dafür spricht!“ sagte er entschlossen. „Kommen’s wieder, wenn Sie was Gewisses wissen. Nit früher!“ setzte er lakonisch hinzu.

Durch diese unerschütterliche Festigkeit hatte sich der Rechtsanwalt Ruhe verschafft. Die Leute gaben es auf, ihn zu warnen. Und Sophie ihrerseits war zu schlau, um sich bei der Tat erwischen zu lassen. Wie ein Aal entglitt sie immer und immer wieder selbst den schärfsten Beobachtern. Niemand konnte es mit Bestimmtheit beweisen, daß sie untreu war. Nur die beiden Frauen, Hedwig und Adele. Und diese zeugten nicht gegen sie.

Es war zum erstenmal, daß Sophie Rapp so frei und ungeniert mit einem Manne verkehrte wie jetzt mit dem Maler Felix Altwirth. Diesmal hatte sie den Kopf verloren, sagten die Leute. Und neuerdings machten sie den Gatten aufmerksam, daß seine Frau ein Verhältnis mit dem Maler habe.

„So?“ fragte der Rechtsanwalt kurz und stocherte gleichgültig mit dem Spaten in der weichen Gartenerde herum. Er war wieder einmal bei seiner Lieblingsarbeit und stand in gebückter Haltung hemdärmelig und ohne Weste im Garten.