Neben ihm war ein alter Herr, ein Rechtskollege, der gekommen war, um sich mit dem Doktor Rapp in einer besonders schwierigen Prozeßsache zu beraten, deren Vertretung sie beide gemeinsam übernommen hatten. Bei dieser Gelegenheit hielt es der befreundete Advokat für seine Pflicht, dem Kollegen ein Wort der Warnung zu sagen.
„Woher wissen’s denn das so g’wiß, Herr Kollege?“ frug Doktor Rapp sarkastisch. „Meinen’s, wenn eine schöne Frau sich gern von einem Künstler malen laßt, muß gleich was Schlechtes dahinter stecken? Naa, naa! Meine Frau kenn’ ich besser wie Sie alle miteinander. Und auf Indizienbeweise hin wird nicht verurteilt!“ sagte Doktor Rapp unerschütterlich.
„Manchesmal doch, Herr Kollege!“ widersprach der andere mit leichtem Nachdruck.
Die Warnung hatte trotzdem einige Wirkung bei dem Rechtsanwalt hinterlassen. Eben weil sie von ernster und, wie er annehmen mußte, auch wohlmeinender Seite kam, dachte er darüber nach. Und als Sophie sich ganz kurze Zeit darauf in dem Garten zu ihm gesellte, frisch, lebendig, heiter und unbefangen wie immer, sah er ihr forschend und mit etwas Mißtrauen in die Augen.
Es war ein lauer Sommerabend. Vom Inn herüber, in dessen Nähe die Villa des Rechtsanwalts lag, kam eine erquickende Luft. Es war ruhig und still da draußen. Kein Lärm, kein Wagengerassel der inneren Stadt drang in diese Ruhe, und kein lautes, mißtöniges Stimmengewirr von vorüber wandernden Menschen. Nur einzelne Liebespärchen schritten eng aneinander geschmiegt durch die einsame Villenstraße, und ganz von ferne hörte man das dumpfe Rollen des Bahnzuges. In den Bäumen der sorgsam gepflegten Gärten sangen die Vögel ihr andächtiges Abendlied, zwitscherten schmelzend von Liebe und Frieden.
Sophie Rapp trug ein helles Sommerkleid und darüber ein weißes, zartes Spitzenschürzchen. Eine grellrote Schleife in dem dunkeln Haar verlieh ihrem Rassegesicht einen eigenen künstlerischen Reiz. Ganz unbefangen frug sie den Gatten, ob er das Abendbrot in dem Sommerhäuschen einzunehmen wünsche, das am andern Ende des Gartens stand.
Der Rechtsanwalt nickte stumm und sah ernst auf seine Frau. Sophie stutzte ein klein wenig. Sie dachte über die Ursache seiner plötzlichen üblen Laune nach und erriet sofort, daß diese Veränderung mit dem Besucher in irgendeinem Zusammenhang stehen mußte.
„Du hast Besuch gehabt, Manni?“ fragte sie und legte ihren Arm zärtlich in den seinen. „Schau, wirf einmal die Schaufel da weg und ruh dich ein bissel aus! Du schaust ja so müd’ drein. Wir wollen ein bissel im Gartenhaus sitzen und plauschen!“ forderte sie ihn munter auf.
Doktor Rapp warf die Schaufel beiseite, daß sie klirrte, und folgte seiner Frau in das lauschige, behaglich ausgestattete Sommerhaus.
„Du ... Sophie ...“ fing er dann mißmutig an.