Es war noch immer der gleiche Sinnenrausch wie vordem, in dem Sophie den alternden Mann gebannt hielt. Sie bezauberte ihn stets aufs neue, belustigte und erheiterte ihn durch ihre losen Einfälle und den ihr eigenen gesunden Mutterwitz und verblüffte ihn öfters durch ungekannte und unberechenbare Seiten ihres Charakters.
Daß sich Sophie jetzt auf einmal so sehr für die Kunst begeisterte, hielt Valentin Rapp für eine kindliche Freude und gönnte ihr das Vergnügen, sich von einem Maler verehrt zu wissen. Ja, er freute sich mit ihr, wie schön sie auf den Bildern geworden war, als sie ihn einmal gewaltsam mit in Felix Altwirths Atelier schleppte. Dort konnte sie der Gatte in verschiedenen Skizzen bewundern.
Da Doktor Rapps Kunstverständnis gleich Null war, konnte er die Bilder nicht so einschätzen, wie das Storf getan hatte. Er sah nur, daß die Skizzen gut ausgefallen waren und daß seine Frau darauf in Schönheit prangte. Aus diesem Gefühl heraus beglückwünschte er den Maler zu seinen Erfolgen und meinte anerkennend, daß Felix bald größere Werke zur Ausstellung bringen möge.
„Ja ...“ erwiderte der Künstler nicht ohne eine leichte Anzüglichkeit in seinem Ton. „Wenn ich dann aber wieder keine Anerkennung finde, wie das erstemal? Ich könne ja überhaupt nichts, sagten damals die Leute.“
„Ach was!“ mischte sich Sophie resolut ein. „Damals und jetzt! Das ist ein Unterschied! Jetzt ist es anders! Heute sind Sie wer! Und das blöde Gewäsch, den Unsinn, den hat ja nur der Patscheider aufgebracht. Sonst niemand.“ —
Seit jenem Atelierbesuch bei dem Maler Altwirth waren auch die letzten Reste eines Mißtrauens gegen Sophie in der Seele des Rechtsanwaltes geschwunden. Er hatte die beiden genau beobachtet und hatte nicht das geringste Zeichen eines näheren Einverständnisses, das auf Liebe hätte schließen lassen, entdeckt. Das, was er sah, war Freundschaft und eine herzliche Kameradschaft. Valentin Rapp war überzeugt, daß seine Frau den Maler nur förderte, weil das ihrem warmherzigen und impulsiven Temperament entsprach.
Daß Sophie warmherzig sein konnte, dankbar, anhänglich und hilfsbereit, dafür hatte der Rechtsanwalt schon viele Beweise erlebt. Ganz besonders rührte es ihn immer wieder, wenn seine Frau von Zeit zu Zeit nach Rattenberg hinunter fuhr, um ihre alte Pflegemutter aufzusuchen. Mit voll beladenen Armen wanderte sie dann jedesmal ins Unterland und brachte der Ennemoserin alles dasjenige, womit sie glaubte, ihr eine Freude bereiten zu können.
Sie hätte die alte Frau gerne zu sich ins Haus genommen. Aber die Ennemoserin sträubte sich dagegen mit aller Entschiedenheit. Ein einzigesmal war die alte Frau nach Innsbruck zu Besuch gekommen. Sie fühlte sich jedoch äußerst unbehaglich in dem feinen Haus ihrer Pflegetochter und war froh darüber, daß sie schon nach wenigen Tagen wieder heimfahren konnte ins Unterland, in ihr kleines, blumengeschmücktes Felsennest.
Wenn Frau Sophie Rapp in Rattenberg war, dann versäumte sie es niemals, auch hinüber zu wandern ins Kloster zu Mariathal, um ihre alte, liebe Schwester Salesia wiederzusehen. Jetzt freilich hatte sie diese Besuche einstellen müssen. Die alte Schwester war seit ein paar Jahren versetzt worden, nach Schwaz ins „Schwarze Damenstift“. Die Sophie hatte es ihrem Gatten mit großer Empörung erzählt und war so wütend gewesen über die Veränderung, daß Doktor Rapp vor Belustigung fast einen Lachkrampf bekam.
Es war aber auch zu komisch, sich die alte, dicke Schwester Salesia vorzustellen, wie sie herumhumpelte bei all den vielen weiblichen Sträflingen in dem Schwazer Frauenzuchthaus, dem der Volksmund den Übernamen des Schwarzen Damenstiftes aufgebracht hat. Die heitere, asthmatische alte Schwester Salesia, an die sich der Rechtsanwalt noch gut erinnern konnte, paßte auch seiner Ansicht nach gar nicht dahin. Die bloße Vorstellung davon erweckte immer wieder neue Heiterkeit in ihm.