Sophie war so erzürnt über den Verlust der Schwester Salesia, daß sie mit dem Gatten ernstlich zu zanken anfing, weil dieser noch dazu schlechte Witze machte. „Und jetzt lachst du mich auch noch aus!“ sagte sie vorwurfsvoll und hatte tatsächlich Tränen in den Augen. „Statt daß ich dir erbarmen tät’, weil ich jetzt das liebe alte Weibele nimmer sehen kann. Denn dahinein kann ich doch unmöglich auf Besuch gehen!“ sagte sie und hatte schon wieder den Schalk in ihrem rassigen, dunklen Gesicht. „Und ich möcht’ sie auch nit sehen, so eing’sperrter unter die grauslichen Weibsbilder. Pfui Teufel!“ entrüstete sie sich. „Wie man nur auf so einen Gedanken hat kommen können! Die paßt ja nur nach Mariathal zu die Blumen im Garten und ...“
„Sie wird da drunten in Schwaz schon auch bei die Blumen sein!“ tröstete der Rechtsanwalt seine Gattin. „Sei ganz ruhig, die hat schon ein stilles Pöstele als Sakristanin in der Kirch’ oder bei die Blumen im Garten. Da wird sie halt irgendwo herumhatschen, dei’ Alte.“
Diese ehrliche Trauer um die einstige Erzieherin gefiel dem Advokaten ganz besonders gut bei seiner Frau. Und gerade deshalb, weil man dieses tiefere Gefühl der Sophie nicht zugetraut hätte, weil ihr loses, flatterhaftes Wesen, die leichtsinnige Art ihres Benehmens in so seltsamem Gegensatz zu diesem Ernst standen, deshalb liebte ihn Doktor Rapp an seiner Frau und schätzte ihn hoch ein ...
Einmal begab es sich, daß der Rechtsanwalt auch Gaudenz Keil, den Karrner, und die Benedikta Zöttl kennen lernte. Droben im Oberinntal, in der Nähe von Zirl, hatte es in einem Karrnerlager eine arge Messerstecherei gegeben. Im jähen Zorn hatten zwei Karrner blindwütig aufeinander losgestochen. Der eine von ihnen war tödlich verwundet liegen geblieben, den andern hatten die Gendarmen abgeholt und nach Innsbruck aufs Gericht geliefert.
Bei der Verhaftung hatte sich das Karrnerweib ganz rabiat gebärdet, hatte die Gendarmen angefaucht wie ein gereiztes Raubtier und sich schließlich auf sie gestürzt, um ihnen ins Gesicht zu schlagen und sie zu kratzen. Den Gendarmen war nichts anderes übrig geblieben, als beiden, Mann und Weib, die Handschellen anzulegen und sie gemeinsam einzubringen.
Den ganzen Vorfall hatte der Rechtsanwalt seiner Frau erzählt. Er wußte, daß sie sich für alles, was Karrnerleute betraf, riesig interessierte.
Sophie hatte aufmerksam und mit glänzenden Augen zugehört. Es war ihr bei der Erzählung des Gatten, als sähe sie den Streit leibhaftig vor sich und als könnte sie die Karrnerin in ihrer leidenschaftlichen Wut unmittelbar beobachten.
Dann war es ihr mit einem Male ganz seltsam zumute. Es war ihr, als müsse es die Benedikta gewesen sein, die wie ein Raubtier auf die Gendarmen losgegangen war. Ganz leise und mit klopfendem Herzen frug Sophie ihren Gatten nach den Namen der Karrnerleute und sah ihm erregt und mit atemloser Spannung ins Gesicht. „Wie heißen denn die Karrnerleut’, Mannderl? Weißt nit?“
Valentin Rapp schaute verwundert auf seine Frau. „Aha!“ sagte er dann heiter, „Karrnerblut! Hat’s dich wieder! Gelt? So was interessiert uns halt!“ scherzte er.
„Wie heißen sie?“ frug Sophie dringend und ohne auf seinen Scherz einzugehen. In gespannter Erwartung schaute sie auf den Gatten.