„Da tun Sie Ihnen aber doch recht gewaltig täuschen, Frau Professor!“ sagte die Apothekerin jetzt ganz bissig. „Mit der Person will ich nix zu tun haben. Die ist an allem Schuld! Wenn die nit wär’ ...“ Frau Tiefenbrunner verdrehte, als ob sie einen großen Schmerz zu erdulden hätte, die Augen und zog dann ihr weißes Taschentüchlein heraus, um sich damit die ohnedies schon sehr trockenen Augenwinkel noch ein wenig trockener zu reiben.
„Hm!“ machte die Patscheiderin und zuckte verächtlich mit den Achseln. „Ist nit zu neiden, die junge Frau ... mit dem Mann!“
Frau Therese Tiefenbrunner wurde jetzt lebendig. Sie vergaß die ruhige Würde, die sie für gewöhnlich zur Schau trug, und fuhr die Patscheiderin sprühgiftig an: „Das sag’ ich Ihnen, Frau Patscheider. Mit der brauchen’s kein Mitleid nit zu haben. Das ist so ein hochnasig’s, eingebildetes Ding ...“
„Nein! Das ist nit wahr!“ warf sich die kleine Frau Storf zur Verteidigerin auf. „Frau Altwirth ist eine gute und auch eine gescheite Frau!“ versicherte sie und gab ihrer schüchternen Stimme einen festen Klang. „Die kennen Sie nur nit!“
„Ich will sie auch gar nicht kennen!“ sagte die Apothekerin obstinat. „Und was die Gescheitheit von der anbetrifft, so glaub’ ich kaum, daß sie’s jetzt gelernt hat, wie man ordentliche Kartoffel rösten tut. Der Felix, das können’s mir glauben, der hat auch sein Kreuz mit ihr. Und was für eins!“
Frau Tiefenbrunner seufzte schwer und laut hörbar, als sie von dem Hauskreuz des Felix Altwirth sprach. „Überall fehlt’s da in der Wirtschaft!“ erzählte sie weiter. „Was ich da überall hab’ nachschauen müssen! Nit glauben täten Sie mir’s, wenn ich’s Ihnen auch erzählen tät’. Keine Knöpf’ in die Hosen, Löcher in die Strümpf’ ... so große!“ Frau Tiefenbrunner beschrieb mit beiden Händen einen Kreis, der beiläufig den Umfang eines Suppentellers hatte. „Dann, wenn ich zu ihr kommen bin und bei die Pfanndeln in der Küch’ nachg’schaut hab’ ...“ Frau Tiefenbrunner machte jetzt noch nachträglich ein ganz entgeistertes Gesicht vor lauter Entsetzen. „Wenn Sie die Pfannen g’sehen hätten, Frau Patscheider ...“ wandte sie sich nun mit ihrer Erzählung an diese, „wie die ausg’schaut haben! So was täten Sie nit für möglich halten. Innen drein, da waren’s geputzt, als wenn a Katz oder a Hunderl sie ausg’leckt hätt’. Aber ausg’waschen haben die nit ausg’schaut, sag’ ich Ihnen. Und außen erst!“ Frau Tiefenbrunner schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Kohlrabenschwarz sein die g’wesen! Rußig und dreckig und ...“
„Ja mei!“ Die Patscheiderin zuckte sehr geringschätzig die Achseln und tat sehr wissend. „Das beweist noch gar nix!“ sagte sie, die Apothekerin in ihrem Wortschwall unterbrechend. „Gar nix, sag’ ich Ihnen! Deshalb kann die Frau Altwirth doch a g’scheite Frau sein, wie die Frau Doktor Storf behauptet.“
„Das mein’ ich auch!“ stimmte die Baurätin bei. „Und daß es ihr Mann so treibt mit der Frau Rapp, das find’ ich einfach eine Gemeinheit!“
„Und ich kann Ihnen sagen, Frau Baurätin,“ widersprach jetzt die Apothekerin, „daß mich in meinem ganzen Leben noch nie etwas so gefreut hat, als wie mir das vom Felix und der Sophie zu Ohren gekommen ist. Das g’schieht dem Weibsbild, der Adele, vollkommen recht! Der Simon hat’s auch g’sagt!“ fügte sie zur Bekräftigung ihrer Ansicht hinzu.
„Sie, Frau Tiefenbrunner,“ ergriff nun die Professorin das Wort, „jetzt will einmal ich Ihnen etwas sagen! Sind Sie in Ihrem Zorn und Haß nit so ungerecht gegen die junge Frau! Ich kenn’ die Frau Altwirth so wenig, daß ich eigentlich nit reden kann über sie. Aber es g’fällt mir vieles an ihr, was ich hab’ beobachten können.“