„Ja, freilich! Natürlich!“ versicherte Simon Tiefenbrunner eifrig. Der kleine Mann freute sich innig darüber, daß Felix ihm die Versöhnung so leicht gemacht hatte. „Bei so was muß man schon mittun!“ sagte er mit wichtigem Gesicht. „Ein paar Tausender lassen wir da schon springen. Ich und die Tant’!“
„Das ist recht, Onkel! Es ist wirklich ein edler und vornehmer Zweck!“ sagte Felix mit leuchtenden Augen.
Da trat mit einem Male Ruhe ein im Saal. Das Stimmengewirr verflüchtigte sich. Die Gruppen lösten sich, gingen auseinander und nahmen in den Sesselreihen Platz.
Johannes Patscheider hatte jetzt die Rednerbühne betreten und stand droben, groß, wuchtig und knochig. Er machte einen schlichten Eindruck, und schlicht und einfach waren die Worte, die er sprach.
Der Kaufmann sprach von Kunst und Wissenschaft, sprach vom Aufblühen eines Landes und seinem Gedeihen, und wie es Ehrenpflicht eines jeden einzelnen sei, der sein Land wahrhaft liebe, die Kunst im Lande zu fördern ... „Darum, meine Herrn, habe ich Sie heute zu dieser Versammlung geladen, damit wir uns gemeinsam zusammentun und vereinigen zu einer großen Tat. Die Idee ist nicht meinem Gehirn entsprungen. Das wissen Sie alle, meine Herren. Dieses Verdienst gebührt einem Künstler, unserem lieben und verehrten Landsmann und Mitbürger Felix Altwirth. Und wir freuen uns, daß es ein Innsbrucker war, der mit diesem großen Gedanken, mit dieser ausdrücklichen Forderung an uns herangetreten ist. Denn es ist ein Bedürfnis im Land. Innsbruck, diese Perle der Städte, unsere liebe Heimatstadt, an der wir alle, ich möchte sagen, mit verehrungsvoller Liebe und Hingabe hängen, diese moderne, aufstrebende Stadt, die alles besitzt, was man in dem Rahmen einer solchen Stadt erwarten darf, diese Stadt hat noch nicht jenes erhabene Bauwerk aufzuweisen, in dem die bildende Kunst eine dauernde Heimstätte finden kann. Wir wollen uns das ehrlich eingestehen, meine Herren. Es ist ein Mangel. In eine Stadt von dem Range, in dem die Landeshauptstadt steht, gehört ein Gebäude, das nur dem Zweck der schönen Künste gewidmet ist. Daß das nicht schon besteht, ist ein Vorwurf. Ein Vorwurf für uns alle. Ich nehme mich davon nicht aus. Seit mir aber die Augen geöffnet worden sind, will ich meinen Fehler gutmachen nach Kräften. Die Landeshauptstadt soll allen Städten der Provinz als ein leuchtendes Beispiel vorangehen. Sie soll der Mittelpunkt werden eines geistigen Lebens. Der Mittelpunkt eines Kunstlebens, das in Wirklichkeit im Land existiert, dem aber nur die Führer gefehlt haben. Das, meine Herren, ist der Zweck, warum wir uns entschlossen haben, eine Tiroler Nationalgalerie zu gründen. Je größer in einem Volke die Kultur entwickelt ist, desto größer geht sein Streben und sein Sinn nach Kunst. Es ist eine heilige Pflicht für uns, daß wir dieses Streben fördern, nach Kräften fördern. Wir wollen der Welt zeigen, daß nicht nur die Großstädte dazu berechtigt sind, das Kunstleben als ihr Eigentum zu betrachten. Jede Stadt der Provinz hat ein Recht dazu, einen maßgebenden Einfluß auf diesem Gebiete auszuüben. Daß dieses oft nicht geschieht, ist eine Schuld und entspringt einem mangelnden Verständnis. Wir wollen keine solche Schuld auf uns laden. Als erste wollen wir dem Lande vorangehen, wollen zeigen, was wir können. Fördernd wollen wir eintreten in das Kunstleben unserer Stadt, und wir wollen unsern Nachkommen, unsern Kindern und Kindeskindern beweisen, daß wir nicht nur im politischen und nationalen Sinn verstanden haben zu wirken und zu handeln, daß wir nicht aufgegangen sind im kleinlichen Parteihader, sondern daß wir stets zusammengehalten haben wie ein Mann, wenn es galt, für unsere schöne, liebe Vaterstadt Großes zu schaffen, sie als erste einzureihen in das Kulturleben der Gegenwart. Und deshalb, meine Herren, weiß ich, daß ich keine Fehlbitte getan habe. Alle, wie wir da sind, werden wir beisteuern für den erhabenen Zweck, auf daß er gelinge zum Ruhme und zur Ehre der Stadt! Ich glaube aus aller Herzen zu sprechen, wenn ich Sie auffordere, mit mir einzustimmen in den begeisterten Ruf: Innsbruck, das berggekrönte Juwel des Landes ... lebe hoch ... hoch ... hoch!“
Ein brausender Jubel hallte durch den großen Saal. Von allen Seiten wurde Johannes Patscheider umringt und beglückwünscht. Allen schüttelte er die Hand. Auch dem Maler Altwirth, der sich kaum fassen konnte vor Freude und Glück ...
Der alte Rat Leonhard war gleichfalls bei der Rede des Kaufmanns im Saale anwesend und hatte andächtig zugehört. Recht andächtig. Den Kopf auf die eine Seite geneigt, die Hände fest in der Tasche, als müsse er das Geld, das er da drinnen trug, vor einem unvorhergesehenen räuberischen Überfall beschützen, so stand der alte Herr da und sah mit stechenden, scharfen Blicken zu dem Redner hinüber.
Als der jubelnde Beifall verrauscht war und die näheren Beratungen begannen, da machte sich der alte Herr aus dem Staub, so schnell er konnte, und ging hinüber ins Herrenstübel, wo Frau Maria Buchmayr einsam und verlassen saß.
„Schon da, Herr Rat?“ fragte die Wirtin etwas erstaunt. „Hat’s Ihnen nit g’fallen drüben?“
„Naa!“ sagte der alte Herr energisch. „Gar nit!“