Als ob er sein Weib noch nie im sanften Schlummer gesehen hätte, so fest und eindringlich betrachtete Valentin Rapp jetzt die Schlafende.

Es war ein kleiner, intimer Raum, in dem das Ehepaar schlief. Geschnitzte Zirmholzmöbel in gotischem Stil waren in dem Zimmer. Ein großer, hellgelber Baldachin breitete sich an der Zimmerdecke über den beiden, knapp aneinandergestellten Betten. Dünn und zart rieselten feine weiße Spitzenvorhänge zu beiden Seiten der Betten herab, die in der Mitte des Zimmers standen. Ihnen gegenüber führten zwei hohe, breite Fenster ins Freie. Jetzt waren sie mit weißen Spitzenvorhängen auf gelbem Grund verhüllt.

Bei Tag hatte man von diesen Fenstern eine herrliche Aussicht auf das Vorgebirge der Nordkette. Sah den breiten Innfluß und die sacht ansteigenden Wiesen und Wälder. Sah aus dunklem Baumgrün den spitzen, zierlichen Turm der Weiherburg und sah die großen und kleinen Villen, die verstreut an dem Bergabhang lagerten. Und weiter wanderte der Blick bis zu dem stattlichen Dorfe Mühlau ...

Noch immer stand Valentin Rapp regungslos am Bett seines Weibes und versuchte, in ihren Zügen zu lesen.

Und wieder schlug Sophie ihre dunklen Augen auf und sah jetzt mit schelmischem Lächeln zu dem Gatten empor.

„Gehst heut’ nimmer schlafen?“ frug sie ihn dann. Es lag ein wohlig müder Ton in ihrer Stimme.

„Ja!“ Valentin Rapp sagte es kurz und rauh. Dann trat er ganz nahe an sie heran und fragte barsch: „Sophie ... was ist’s mit dir und dem Patscheider?“

Als wenn eine Viper sie gestochen hätte, so jäh schnellte das Weib bei der Nennung dieses Namens aus ihrer ruhigen Lage empor.

„W—w—a—a—s hast g’sagt?“ Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen an.

Valentin Rapp biß die Zähne aufeinander, um seine Frau nicht anzufallen. Aber er ballte seine Fäuste krampfhaft ... bereit, sie wie die Krallen eines wilden Tieres dem Weib ins Fleisch zu setzen.