Und dann, dann drehte sie ihm mit beiden Händen eine Nase. Streckte ihm die Zunge heraus, so weit sie konnte, und rief triumphierend: „Etsch! Etsch! Ausg’rutscht! Jatz hau mi, wenn du kannst!“ Darauf lief sie flugs zum langen Schmied hin und versteckte sich hinter ihm.

Das war der Abschied der kleinen Sophie vom Karrnerlager. Sogar auf den Tonl hatte sie vergessen und ihm kein gutes Wort mehr gesagt. Sie fühlte sich jetzt, da sie zwischen dem langen Schmied und der Ennemoserin gegen die Stadt zuging, trotz ihrer verprügelten Glieder so unsagbar glücklich und so erlöst und froh und frei wie noch nie im Leben.

Zweites Kapitel.

Es war schon ziemlich dunkel geworden, als die Ennemoserin mit ihrem Schützling aus der Stadt in der Richtung gegen die Innbrücke ging. Die alte Frau wanderte mit rüstigen, weit ausholenden Schritten und fast schweigend ihren Weg. Neben ihr trippelte die Sophie in ihren Knabenkleidern und ohne Schutz gegen den Regen, den ihr der Wind in das braune Gesichtchen und in die aufgelösten, durchnäßten Haare peitschte.

Das Kind merkte es kaum. Sie sah mit neugierigen, forschenden Augen auf die Ennemoserin. Und dann wieder spähte sie lauernd umher. Besah sich die kleinen, freundlichen Bauernhäuser von Kramsach und malte sich aus, wie viel Schönes es wohl da drinnen zu ergattern gäbe, wenn sie dort einmal bei Gelegenheit einen Besuch abstatten würde. Sie berechnete in aller Geschwindigkeit, wo man in diesem oder in jenem Haus sich wohl am geschicktesten einschleichen könnte. Ob vorne bei der Haustür oder rückwärts über einen Gartenzaun, oder ob eine Kletterpartie durch eines der kleinen, sauber geputzten Fenster sich vielleicht besser verlohnen würde.

So wanderten die beiden, den Talkessel des langgestreckten Dorfes Kramsach durchquerend, hinüber nach dem stillen, welteinsamen Mariathal.

In einer engen Schlucht hart an dem Bach steht die stattliche Kirche mit dem Kloster und einigen Häusern. Brausend durchzieht die Brandenberger Ache das Tal. Hoher Bergwald erhebt sich zur einen Seite des Baches, während knapp hinter dem Gotteshaus ein dichter Buchenwald sachte ansteigend sich viele Stunden den Berg entlang und bis tief hinein ins Brandenbergertal erstreckt. Als ob hier die Welt ein Ende hätte, so still und abgeschieden ist es. Eine eigene Welt, so recht ein Ort für fromme Frauenherzen, die ihr Leben dem Herrn geweiht haben.

Ein kleines, altes Frauenkloster ist der Kirche angebaut. Von außen sieht es grau und nüchtern und ein wenig baufällig aus. Der Friedhof trennt es von der Kirche, und doch verbindet ein gedeckter Gang das Gotteshaus mit dem Heim der frommen Frauen.

Nur wenige Bewohnerinnen beherbergt das Klösterlein. Einige Schwestern und mehrere kleine Mädchen, die unter dem Schutz der Nonnen erzogen werden sollen. Es wäre auch nicht Platz für viele in dem einstöckigen, langgestreckten Gebäude, das seinen Eingang vom Friedhof aus hat. Gegen den Friedhof führen auch die Fenster des Klosters.