Im Innern des Klosters sind niedere, gewölbte Gänge, alte knarrende Holztreppen und Türen, ausgetretene Dielen, die bei jedem Schritte ächzen und stöhnen, als seien sie es müde, die jahrhundertelange Bürde der Menschen zu tragen. Die Bürde der Menschen, die mit leichten Tritten auf weichen Sohlen fast unhörbar durch die niedern Gänge wandeln oder mit sachten, schlürfenden Füßen müde und verdrossen und doch gottergeben aus den dunkeln Winkelgängen kommen, die zu den einzelnen Zellen führen, um hinüber in die Kirche zu gehen.

Die kleine Sophie sah verwundert zu der Ennemoserin auf, als diese jetzt vor der Pforte haltmachte und mit raschem Griff an der Glocke zog. Der Friedhof, das lange graue Haus mit den vergitterten Fenstern, die in unmittelbarer Nähe emporragende stattliche Kirche, das alles machte auf das Kind einen seltsamen Eindruck.

„Wohnst du da?“ fragte die Sophie die Ennemoserin.

„I nit, aber du darfst dableiben, wenn du brav bist!“

Einen Augenblick war es der Sophie, als ob sie ihre kleine Hand, welche die Ennemoserin ergriffen hatte, gewaltsam losreißen müßte, um davonzulaufen. Weit, weit fort von hier. Fort von dem garstigen Haus und dem unheimlichen Friedhof mit den vielen Kreuzen. Aber da öffnete sich schon von innen die Tür, und eine kleine, dicke Klosterschwester, die ein Kerzenlicht in der fleischigen Hand hielt, erschien im Türrahmen.

„Grüß Gott, Schwester Salesia!“ sagte die Ennemoserin mit ihrer lauten, harten Stimme.

„Ja ... ja ... die Ennemoserin! Grüß Gott, Ennemoserin!“ machte die Schwester. „Ja, was führt denn Ihnen zu uns? Noch so spät auf die Nacht?“ fragte sie verwundert.

Die Schwester Salesia mochte ungefähr sechzig Jahre zählen. Sie hatte ein gutmütiges, freundliches Gesicht und ein paar helle Augen, die so sonnig und strahlend waren, als ob ihre Besitzerin immer beim Lachen wäre. Das runde, rosige, fast faltenlose Gesicht bewirkte, daß sich das Kind sofort zu der Klosterschwester hingezogen fühlte, trotz der Ungewöhnlichkeit der Umgebung und trotz der eigenartigen Klostertracht.

„Um Unterkunft tät’ i halt recht schön bitten!“ sagte die Ennemoserin. „Nit für mi, aber für das Kind da. Ihr sollt es behalten und einen ordentlichen Menschen draus machen!“

Die Ennemoserin war jetzt mit dem Kind in die Halle des Klosters eingetreten. Und die Schwester schob mit kräftiger Hand den Riegel vor die Tür, daß es krachte.