Die kleine Sophie sah sich in dem niedern, gewölbten Raume um, der vom Schein der Kerze und von einer brennenden Ampel matt erleuchtet war.
Eine Vorhalle war es in der Größe eines mittleren Zimmers. Links von der Haustür führte eine breite, etwas steile Holztreppe nach dem obern Stockwerk. Rechts davon zweigte ein langer, dunkler Gang ab. Dem Kinde erschien dieser Gang besonders unheimlich. In seiner lebhaften Phantasie kam es ihm vor, als führe dieser dunkle Gang in einen entsetzlichen Kerker, wo undurchdringliche Finsternis herrschte.
Namenlose Angst überfiel das Kind. Vielleicht war es das erstemal im Leben dieses halbwilden Mädels, daß sie es ernstlich mit der Angst zu tun bekam. Mit großen, erschreckten Augen sah das Kind zu der Klosterschwester auf, die in der einen Hand das Kerzenlicht hielt, während sie ihr mit der andern freien Hand liebkosend die Wangen streichelte.
„Also dableiben möchtest, Mädel?“ frug sie mit einer guten, leicht asthmatischen Stimme. „Ja, sag’ amal, Mädel, wie heißt denn nur?“
„Sophie!“ erwiderte das Kind leise.
„Sophie! Ja, da hast freilich an schönen Namen!“ lobte die Schwester und hüstelte etwas rauh und schwer. „Recht schön. Also Sophie ... Und wie heißt denn nacher noch?“ fragte sie.
Das Kind sah trotzig zu der Klosterschwester auf. „Meine Mutter schreibt sich Zöttl!“ sagte sie laut und mit einem Anflug ihrer gewöhnlichen Frechheit.
„So, so ... mhm! mhm!“ Die Schwester bekam einen richtigen, etwas länger dauernden Hustenanfall. „So, so ...“ machte sie dann schwerfällig und führte die Ennemoserin und deren Schützling durch eine Tür gegenüber der Eingangspforte in ein kleines Wartezimmer.
„Gehen’s einer da, Frau Ennemoser,“ forderte sie auf, „und tuan’s a bissel Platz nehmen! I geh’ grad derweil die Schwester Oberin holen. Es dauert nit lang. I renn’, so g’schwind i kann! Weißt, Sophie ...,“ sagte sie zu dem Kinde und machte ein Gesicht, als ob sie ihr etwas ganz Besonderes mitzuteilen hätte ... „i bin nimmer so jung, wie du bist. Es ist nimmer weit her mit meine Beiner. Und wenn wir zwei Fangen spielen, dann g’winnst du! Glaubst das?“
Das Kind mußte unwillkürlich lachen. Die Schwester hatte so etwas Lustiges: An die konnte man sich gleich gewöhnen.