„Wie heißt denn die?“ frug die Sophie die Ennemoserin, als die Schwester fortgegangen war und die beiden Ankömmlinge in dem kleinen Raum allein gelassen hatte.
„Das ist die Schwester Salesia!“ erklärte die Ennemoserin. „Sie ist a guate Seel’, und prächtig zu brauchen im Kloster. Ist Pförtnerin und Meßnerin und Gärtnerin. Hat no viel zu tuan für ihr Alter.“
Das Kind verstand wenig von den Ämtern der Schwester. Es interessierte sie auch gar nicht weiter. Viel mehr bewunderte sie das Zimmer, in dem sie sich gegenwärtig mit der Ennemoserin befand. Völlig wie in einer Kirche sah es hier drinnen aus. Der Raum war durch eine große Ölampel nur matt erleuchtet. Und dem Kinde war es, als läge ein feiner Duft von Weihrauch in der Luft.
Es war nicht oft der Fall gewesen, daß die kleine Sophie eine Kirche betreten hatte. Karrnerleut’ sind keine Kirchenbesucher. Und die Kinder der fahrenden Leute jagt man davon, wenn man sie in Kirchen erwischt ... wegen der Opferstöcke. Denn es ist oft vorgekommen, daß sie für den Inhalt derselben ein gar zu großes Interesse bezeigten.
Ein paarmal hatte die Neugierde das Karrnerkind doch in eine Kirche getrieben. Ganz heimlich hatte sie sich hineingeschlichen. Sie wußte, daß sie das eigentlich nicht durfte. Und sie wußte, daß Gaudenz Keil es den Kindern streng untersagt hatte, in einer Kirche zu stehlen.
Es hatte ihr gut gefallen in den Kirchen, und sie wäre am liebsten überall herumgegangen, um sich alles ganz genau zu besehen. Aber das wagte sie doch nicht recht. Man hätte sie dabei erwischen können und davonjagen oder gar einsperren. Wenn sie hundertmal nicht die Absicht gehabt hätte, zu stehlen. Einem Karrnerkind glaubt man nicht. Das wußte sie.
So besah sie sich denn die Kirchen von einem ganz verborgenen Winkel in der Nähe des Eingangs, so daß sie zu jeder Zeit behende die Flucht ergreifen konnte, falls man sie entdeckte.
Es gefiel ihr in den Kirchen. Der hohe, freie Raum, die großen farbigen Fenster mit ihren Glasmalereien, die vielen Bilder und Statuen, die glänzenden Leuchter, der Geruch der Blumen, des Weihrauchs und der verlöschten Wachskerzen übten auf die Sinne des Kindes einen ungewöhnlich feierlichen Eindruck aus.
Und feierlich wie in der Kirche erschien es dem Kinde auch hier in der kleinen Wartestube des Klosters.
Die Ennemoserin hatte sich breit auf einen der hochlehnigen Polsterstühle gesetzt. Aufrecht, steif und kerzengerade saß sie da, wie eine hölzerne Statue. Die Sophie saß neben ihr, am Rande des Stuhles, wie ein Vogel auf einem Sprießlein seines Käfigs.