Mit klugen Augen schaute das Kind neugierig umher. Die beiden sprachen jetzt kein Wort mehr miteinander. Bis die Schwester Oberin kam in Begleitung der Schwester Salesia. Die Pförtnerin hielt nun statt der Kerze eine große Stehlampe in der Hand, die sie auf den ovalen Tisch in der Mitte des Zimmers stellte.

Die Oberin war eine hohe, schlank gewachsene Frau. Nicht mehr ganz jung. Aber mit einem gesunden, runden Bauerngesicht, eckigen Bewegungen und mit Augen, die nicht recht zu ihrer sonstigen Erscheinung paßten. Es waren helle, scharfe Augen. Augen, die einen klaren, wissenden Blick hatten, energisch und selbstbewußt schauten, und dann wieder demütig und unentschlossen. Die Schwester Oberin hielt ihre Augen meistens gesenkt und hatte die Hände wie zum Gebet fromm ineinander gefaltet, als befände sie sich im steten Zwiegespräch mit ihrem Gott.

Die Ennemoserin erhob sich, als die Oberin eintrat, und hieß auch das Kind aufstehen.

„Gelobt sei Jesus Christus!“ grüßte die Oberin mit leiser, sanfter Stimme, die in einem seltsamen Gegensatz zu ihrer derben Erscheinung war. Dann gab sie der Ennemoserin die Hand und bat sie, Platz zu nehmen. Die Sophie setzte sich ungebeten. Baumelte mit den Füßen und besah sich jetzt im hellen Lampenschein ihre Umgebung.

Freundlich und sauber schaute es in dem Wartezimmer aus. Für Sophies Geschmack zu sauber. Denn hier drinnen war alles hell und weiß. Weiß die Vorhänge an den beiden Fenstern und weiß die Überzüge der Polsterstühle. Weiß die gehäkelte Decke, die auf dem ovalen Tisch lag. Und weiß die kleinen Schutzdeckchen, die an die Lehnen des grünen Sofas geheftet waren. Auch die Hauben der beiden Klosterfrauen waren weiß.

Es war das erstemal in ihrem Leben, daß die Sophie eine Klosterfrau in unmittelbarer Nähe betrachten konnte. Ab und zu hatte sie ja auf ihren Streifwegen eine solche begegnet. Sie war ihr aber immer in weitem Bogen ausgewichen. Die großen weißen Hauben mit den dreieckigen Flügeln kamen ihr so unsagbar häßlich vor, daß sie dieselben gar nicht näher anschauen mochte. Noch eine Art Nonnen kannte das Kind. Das waren solche mit langen schwarzen Tüchern, die ihnen nach rückwärts vom Kopfe hingen, während das Gesicht nur durch ein weißes Stirnband abgeschlossen wurde. Diese gefielen ihr schon weit besser. Allerdings hatte sie auch vor ihnen eine eigene Scheu und wich ihnen aus, wo sie nur konnte.

Mit einer Nonne gesprochen hatte die Sophie noch nie im Leben. Und jetzt hatte sie mit einem Male sogar zwei Klosterschwestern in ihrer nächsten Nähe. Und noch dazu solche mit garstigen weißen Hauben, die sie gar nicht leiden mochte.

Das Kind lehnte sich bequem in dem Sessel zurück, legte das dunkle Köpfchen mit den beiden nassen Zöpfen auf die linke Seite, hielt sich mit den Händen an ihrem Sitz fest, als wäre sie zu Pferd, und baumelte unruhig mit den Füßen hin und her.

Die Schwester Salesia machte sich an der großen Ölampel zu tun. Goß aus einer Kanne, die in einem Winkel des Zimmers verborgen stand, Öl nach und putzte das Licht zurecht.

Das Kind besah sich die Schwester ganz genau, und sie gefiel ihr immer besser. Trotz der garstigen Haube und dem häßlichen Gewand. Denn das Kleid der Schwester mißfiel dem Kind gleichfalls. Es war dunkel und unförmig. Ein faltiger, weiter Rock und eine dunkle, ebenso weite Schürze. Eine Bluse von derselben Farbe, von der man jedoch mit Ausnahme der weiten Ärmel gar nichts sehen konnte, da ein breiter, steif gestärkter Kragen sie zur größeren Hälfte verdeckte. Um die Mitte hatten die Klosterschwestern einen weißen, dünnen Strick geschlungen, der seitwärts in einem Knoten neben einem großen Rosenkranz mit Kreuz herunterhing.