Die Oberin unterhielt sich mit der Ennemoserin im gedämpften Ton so leise, als fürchteten die Frauen, durch den Laut ihrer Stimmen die heilige Ruhe des Klosters zu stören.

Die Ampel, an der die Schwester Salesia sich zu schaffen machte, hing vor einer lebensgroßen Christusstatue, die das heilige Herz Jesu purpurrot leuchtend und mit einem goldenen Strahlenkranz umgeben als Sinnbild der unendlichen Liebe des Heilands auf der Brust trug.

Das Kind hatte noch wenig von Gott gehört und wußte auch nicht, was die fromme Statue darstellen sollte. Aber sie ahnte, daß es Gott sein sollte, und war so vertieft in ihre Betrachtung, daß sie gar nicht darauf merkte, was die beiden Frauen an ihrer Seite verhandelten.

Es war ihr jetzt auch gleichgiltig; denn je mehr sie sich hier umsah, desto besser gefiel es ihr. Und als die Schwester Oberin sich erhob, sie bei der Hand nahm und ihr erklärte, sie dürfe von jetzt an hier bleiben und das Kloster solle nun ihre Heimat sein, war sie ganz damit einverstanden.

Das beklemmende Gefühl, das sie anfangs beim Betreten des Klosters ergriffen hatte, war geschwunden, und willig folgte sie den beiden Klosterfrauen in das Innere des Hauses, nachdem sie sich von der Ennemoserin mit kurzem Gruß verabschiedet hatte.

Es war jetzt schon spät an der Zeit. Die Zöglinge des Klosters gingen gerade von einer Schwester geführt durch den gedeckten Gang zur Kirche hinüber. Alle in gleichen, einförmigen, grauen Kleidern, mit runden, schwarzen Kragen und ohne Hüte. Sie verbeugten sich tief vor der Oberin und warfen neugierige Blicke auf das Kind. Dann gingen sie schweigend in Reih’ und Glied der Kirche zu. — — —

Es war ein eigentümliches Gefühl, mit dem die kleine Sophie abends in ihrem sauberen, weiß bezogenen Bette lag. In einem großen, langen Saal war es. Bett an Bett, nur durch kleine Zwischenräume voneinander getrennt, standen die Lagerstätten der Kinder in zwei Reihen nebeneinander. Ungefähr zwölf Betten mochten es sein. Und am Ende des Saales hatte ein Bett Platz gefunden, das zu beiden Seiten mit Vorhängen verhüllt war. Dort schlief eine der Schwestern, der die Aufsicht über die Zöglinge anvertraut war.

Lange konnte die Sophie kein Auge schließen. Es war ihr alles so ungewohnt und fremd. Bisher hatte sie ihr Lager auf einem elenden Lumpenhaufen gehabt in dem fahrenden Haus des Karrners. Hatte sich mit den Geschwistern Tag für Tag gerauft und gebalgt um eine Decke oder ein Kissen.

Ein Höllenspektakel war das an jedem Abend gewesen. Ein Geschrei und Geheul und Gezeter, bis der Vater mit dem Stock und mit wilden Flüchen zwischen die kleinen Raufbolde dreinfuhr. Dann duckten sie sich und gaben Ruhe. Dumpf war es in dem kleinen Schlafabteil des Wagens. Eng und dumpf. Aber die Sophie schlief vortrefflich und vollständig traumlos bis zum Morgen, wo neuer Höllenlärm sie weckte.

Wie ganz anders war es heute in dem freundlichen und sauberen Schlafsaal des Klosters. Tiefer Friede und heilige Ruhe. Nichts regte sich.