Etwas wie abergläubische Furcht überkam das Kind. Sie setzte sich in ihrem Bette auf und sah hinüber zu dem großen Madonnenbild, vor dem ein schwaches rotes Licht brannte. Und wieder schaute sie auf die schlafenden Mädchen an ihrer Seite, die ruhig und gleichmäßig atmend dalagen und auf ihren weißen Kissen aussahen wie Engelsköpfe auf kleinen weißen Wolken.
Langsam und in dumpfen Schlägen schlug die Uhr von dem Turme zu Mariathal die zehnte Stunde.
Mit leisen, unhörbaren Schritten kam eine junge Klosterschwester, ging von Bett zu Bett und blieb dann vor der kleinen Sophie stehen.
„Kannst nit schlafen, Kind?“ frug sie flüsternd.
„Naa!“
„Fehlt dir was?“
„Naa!“
„Hast Heimweh?“ frug die Schwester weich und beugte sich über das Kind.
„Ja!“ sagte die Sophie heiser, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Heimweh ... und bist ein Karrnerkind?“ frug die Schwester verwundert. Dann aber erinnerte sie sich daran, einmal gehört zu haben, daß gerade diese Menschen eine brennende Sehnsucht nach der weiten Welt hätten, die ihnen Glück und Heimat war.