„Armes Kind!“ sagte die Schwester voll inniger Teilnahme, setzte sich an den Bettrand und ergriff die kleinen braunen Hände der Sophie. „Armes Kind! ’s wird schon wieder besser!“ tröstete sie. „Mußt halt beten. Kannst beten?“
„Naa!“
„Nit?“ Die Schwester ließ ganz erschrocken die Hände des Kindes fahren. „Nit beten, nit einmal das Vaterunser?“
„Naa!“
„Und das Ave Maria?“
„Naa!“ Das Kind sagte es zögernd. Es hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß sie etwas nicht kannte, was sie wissen sollte. Und sie fühlte, daß dieser Mangel ein großer sein mußte, weil die Schwester so erschreckt tat.
„Soll ich’s dich lehren, das Vaterunser?“ frug die Schwester.
„Ja!“
Da erhob sich die junge Klosterschwester, faltete die Hände des Karrnerkindes und machte ihm das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne.
Und dann betete sie mit ihm, jedes Wort betonend, halblaut das Vaterunser im Schweigen der Nacht, in dem stillen Saale, während die andern Kinder ringsumher ruhig unter ihrer Obhut schliefen. Betete mit dem halbwilden braunen Mädel, das in dem Frieden des Klosters seine Zuflucht gefunden hatte, das Vaterunser von der ersten bis zur letzten Bitte.