Und die Sophie sprach Wort für Wort nach, bis im gedämpften Flüsterton die letzten Bitten des heiligsten Gebetes der Christenheit von ihren jungen Lippen durch den nachtstillen Saal gingen. Neben dem ruhigen Atmen der schlafenden Kinder und gemeinsam mit der leisen, weichen Stimme der jungen Klosterschwester ... „Und vergib uns unsere Schuld, als auch wir vergeben unsern Schuldigern. Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Amen.“
Drittes Kapitel.
Sophie Zöttl, das Karrnerkind, befand sich nun schon seit Monaten in dem Kloster zu Mariathal.
Den endlos langen Wintertagen folgten die ersten Stürme des Frühlings. Lauer Regen weckte die schlafenden Triebe in der Natur. Unter der dichten Schneedecke, die allmählich zu schmelzen begann und ihr schönes, blendendes Weiß in ein schmutziges Gelb verwandelte, stahl sich aus der feuchten braunen Erde schüchtern saftiges junges Grün hervor. Die ersten Schneeglöckchen hoben ihre zarten Kelche, und in den Zweigen der Bäume zwitscherten die Vögel ihr lustiges, sehnsuchtsvolles Lied durch die aus der Winterstarre erwachte Welt.
Es kamen herrliche, sonnenhelle Tage. Tage von berückender Schönheit, mit einem tiefblauen Himmel und fast sommerlicher Wärme. Langsam schüttelten die Bäume des Tales ihren Winterschmuck von Wipfeln und Ästen, so daß sie sich dunkel und ernst von ihren höher gelegenen und noch immer schneeumhüllten Kameraden abhoben. Heiter und weiß grüßte von jenseits des Tales die scharfe Kante der Gratlspitz herüber nach Mariathal.
Die Zöglinge des Klosters durften sich jetzt viel im Freien aufhalten. Aus den Mauern ihres stillen Heims wanderten sie hinaus und ergötzten sich durch fröhliche Spiele im Garten und auf weiten Spaziergängen über die Felder von Kramsach und dessen Umgebung.
In schlichten Reihen, immer zwei und zwei, gingen die Mädchen in ihren schwarzen, halblangen Institutskleidern und mit den häßlichen runden Hüten, deren weiße Bänder im Winde flatterten. Mit frohen Gesichtern und munter plaudernd.
Niemand hätte die kleine Sophie wiedererkannt, das ausgelassene, wilde Karrnerkind, wie es jetzt an der Seite der Klosterschwester einherschritt in reinlichen Kleidern, mit sauber gekämmten Haaren, das lustige braune Gesichtel in ernsthafte Falten gelegt und die muntern dunkeln Augen sorgsam zu Boden gesenkt.
Gerade diese gezwungene Haltung des Kopfes und dieses gewaltsame Eindämmen ihres sonst so lebhaften Mienenspiels waren die auffallendsten Veränderungen an dem Kinde. Aber darauf hatte die kleine Sophie jetzt stets zu achten auf Geheiß der Oberin. Sie durfte nicht mehr neugierig umher schauen, weil sie sonst auf sündhafte Gedanken und Begierden kommen konnte.