Noch mitten im Winter war’s, als sie mit den andern Kindern heimgekommen war von längeren Spazierwegen, frisch und rosig gefärbt von der scharfen Winterluft und mit lachenden, glücklichen Augen. Die Schwestern hatten ihre Freude daran, besonders die Schwester Salesia. Die konnte sich stets herzhaft freuen mit dem jungen Volk und konnte fast noch übermütiger lachen als die kleinen Mädeln selber.
Die alte Pförtnerin war daher der besondere Liebling der Mädchen. Wenn sie von ihren Ausgängen heimkehrten und die Schwester Salesia ihnen die Pforte des Klosters öffnete, dann umringten sie sie stürmisch, redeten auf sie ein und erzählten, was sie da draußen gesehen und erlebt hatten. Und alle auf einmal wollten sie reden, und jedes hatte es noch wichtiger als das andere. Beruhigend mußte da die Schwester auf die junge Schar einwirken und sie gar oftmals auch mit einem derben Wort zurechtweisen, wenn die Mädchen allzu ausgelassen wurden.
Es waren keine großen Erlebnisse, von denen die Kinder zu berichten wußten. Lauter liebe Kleinigkeiten, die der Jugend ungeheuer wichtig erschienen. Niemand im ganzen Kloster verstand es so prächtig, auf die Interessen der Kinder einzugehen, wie die alte, gute Schwester Salesia.
Zwischen der Schwester und dem braunen Karrnermädel war es bald zu einer innigen Freundschaft gekommen. Die Schwester hatte gleich den richtigen Ton gefunden, und die kleine Sophie vertraute ihr bald alles an. Sie erzählte der Pförtnerin von ihrem früheren Leben. Von den Streichen, die sie und die kleine Brut ihrer Geschwister ausgeführt hatten. Und von den wüsten Streitszenen im Karrnerlager. Die Schwester Salesia hörte alles ruhig an. Eine neue Welt tat sich da vor ihren Augen auf. Eine Welt, die sie nicht kannte.
Schwester Salesia hatte erst spät den Schleier genommen. Sie hatte in ihrem langen Leben reiche Erfahrungen gesammelt. Viel Trübes war über dieses einsame Frauenherz gekommen. Aber sie hatte tapfer gekämpft, ganz still für sich. Niemand besaß eine Ahnung im Kloster, daß hier ein heißes Herz seinen Frieden gesucht und gefunden hatte. Und mit den Jahren wurde aus dem unruhigen, lebenshungrigen Mädchen die stets heitere und zufriedene Schwester Salesia.
Jene Welt der Karrner aber war der Schwester Salesia fremd geblieben. Das freie, ungebundene Leben dieser Menschen, das so ganz abseits von den gewohnten Sitten lag, und das sie jetzt aus den Schilderungen der kleinen Sophie kennen lernte, erschreckte sie. Sie war aber klug genug, nichts davon merken zu lassen; denn sie wußte, daß sie damit bei dem Kinde nur Unheil anrichten würde.
Das erkannte die Schwester Salesia mit ihrem gesunden Verstand klar und genau ... Das Kind hatte keine Ahnung davon, daß sein früheres Leben gegen Sitten und Moral verstieß. Die Sophie war es gewöhnt worden, dieses Leben als etwas Selbstverständliches zu betrachten und hinzunehmen.
Schwester Salesia hütete sich wohl, das Kind darauf aufmerksam zu machen. Sie wußte es, daß sie dadurch mit rauher Hand die kindliche Unbefangenheit des kleinen Mädels zerstört hätte. Aber sie mußte es auch verhüten, daß die andern Kinder im Kloster etwas von den freien Sitten des Karrnerlagers erfuhren. Sie bat daher das Mädchen fast schüchtern: „Gelt, Kind, das, was du mir sagst, erzählst aber nit weiter! Gelt, versprichst mir das?“
Anfangs hatte die Sophie verwundert auf die Schwester geschaut. „Warum denn nit, Schwester?“
„Weißt, die Kinder und auch die Schwestern, die verstehen nix von der Welt. Da darf man solche Sachen nit reden!“ sagte die Schwester Salesia leicht verlegen.