Trotz aller Vorsicht und Güte war Sophie nachdenklich geworden. Warum durfte sie nichts von ihrem vergangenen Leben erzählen? Sie wußten es ja alle im Kloster, daß sie ein Karrnerkind war. Sophie bemerkte es gar wohl, daß sie den andern Kindern deshalb sehr interessant erschien. Sie hatten sie anfangs oft mit Fragen bestürmt, und sie hatte diese Fragen nicht beantworten dürfen. Darin war die alte Schwester Salesia unerbittlich gewesen.

Die kleine Sophie grübelte immer mehr nach. Etwas wie Scham beschlich sie. Nur wußte sie selbst nicht, worüber sie sich schämte. Aber sie fing an, immer ernsthafter nachzudenken, und dann fragte sie wieder die Schwester Salesia: „Darf ich’s der Schwester Oberin auch nit erzählen?“ Zögernd und etwas kleinlaut kam es über die Lippen des Kindes. Und fast angstvoll schaute sie auf die alte Schwester.

„Wohl, der Schwester Oberin schon. Der muß man alles erzählen!“ belehrte sie die Pförtnerin. Dabei vermied sie es aber, in die großen, forschenden Kinderaugen zu schauen. Die Schwester Salesia wußte es nur zu gut, daß in dem ganzen Kloster vielleicht niemand so ungeeignet war, ein mildes Urteil über die Schattenseiten der Welt zu fällen, wie gerade die Schwester Oberin. Das durfte sie aber dem Kinde nicht merken lassen.

Die alte Schwester kannte die Sehnsucht, die in jedem Menschen lebt. Die Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach Reinheit und Größe. Dieses Sehnen schlummert in der Seele eines jeden Menschen. Unbewußt in der Brust des Kindes. Bewußt und oft zu brennendem Verlangen entflammt in den Herzen der Erwachsenen. Und die alte Schwester war klug genug, diese Sehnsucht in den zarten Herzen der Kinder zu hegen und zu pflegen. Sie wußte, daß es das Schönste im Leben ist, sich das felsenfeste Vertrauen auf den edlen Kern im Menschen so lange als möglich zu erhalten. Das felsenfeste Vertrauen auf das göttliche Saatkorn, das in jeder Seele keimt, und, wo es nicht verkümmert, herrliche Blüten und Früchte tragen muß.

Das Leben hatte dem Karrnerkind übel mitgespielt. Sophie hatte bisher nur die niedrigste Seite des menschlichen Daseins kennen gelernt. Sie haßte alle Menschen und traute ihnen nur Schlechtes zu. Erst hier im Kloster war sie langsam zu einem andern Glauben gekommen.

Sophie lernte es wohl, ihre Erzieherinnen zu lieben, und trotzdem fehlte ihr noch jener Begriff hoher Achtung vor den Menschen, der die Grundsäule aller gesellschaftlichen Ordnung ist. So baute denn die alte Klosterschwester ihre geistliche Oberin in der kindlichen Phantasie des Karrnermädels allmählich zu einer Idealgestalt aus. Lehrte sie die Oberin achten und lieben als eines der vollkommensten Wesen, die je gelebt hatten.

Das Kind hatte eine heilige Scheu vor dieser Frau. Es fühlte sich stets unbehaglich in ihrer Nähe und hätte es wohl nie übers Herz gebracht, mit der Oberin über seine Vergangenheit zu sprechen. Das wußte die Schwester Salesia, und darauf rechnete sie.

Sophie hatte noch nie eine Schule besucht. Ihre ganze Erziehung mußte von den allerersten Anfängen gründlich beginnen. Sie hatte keine Ahnung von einer geregelten Lebensweise und erregte in den ersten Wochen ihres Klosterlebens viel Heiterkeit unter ihren Mitschülerinnen. So befahl denn die Oberin, daß Sophie Zöttl hauptsächlich dem Schutz und dem Unterricht der Schwester Salesia anvertraut werde, bis sie fähig wäre, in eine regelrechte Schulklasse eingereiht zu werden.

Das war auch gut so für das Kind. Auf diese Weise bekam sie den Zwang des Klosterlebens nicht so stark zu fühlen, hatte mehr Freiheit als die andern und fühlte sich unter der milden Zucht der alten Schwester äußerst wohl und behaglich. Sie durfte der Pförtnerin bei den Arbeiten in der Sakristei helfen, durfte aus dem kleinen Treibhaus im Klostergarten Blumen holen für die Kirche und lernte die Blumen mit Liebe behandeln und pflegen.

So gewöhnten sich die Schwester und das Karrnerkind rasch und innig aneinander, und die alte Schwester Salesia kannte bald alle aus dem Karrnerlager. Kannte den weißblonden Tonl und die Benedikta. Sah den rohen Gaudenz, wie er die Peitsche unbarmherzig auf die halbnackten Körper seiner Kinder niedersausen ließ. Und sah auch Schips, den zottigen Köter, bellend und winselnd von einem zum andern laufen. Und dann wieder sah sie die Sophie, wie sie gleich einem kleinen, wilden Teufel um sich schlug, kratzte und biß. Und sie fühlte mit dem Kinde den ganzen ingrimmigen Haß gegen den Stiefvater. Sie wußte auch von des Kindes Schleichwegen, wenn es galt, etwas für das Karrnerlager zu stehlen.