Und für alles hatte die alte Schwester das milde Verstehen und Verzeihen einer gereiften Erkenntnis. Mit weiser, vorsichtiger Hand führte sie dieses wilde, junge Leben in geregelte Bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für die Schwester Salesia und bedurfte äußerster Klugheit. Zu viel Strenge oder zu viel Nachsicht ... und alles konnte bei dem Kinde verdorben sein.

In wenigen Monaten hatte die Schwester wahre Wunder gewirkt. Sophie fühlte sich glücklich und war froh und heiter wie noch nie in ihrem Leben. Das Kind fühlte es: die alte asthmatische Schwester Salesia war ihr nicht nur Erzieherin und Lehrerin, sondern auch eine Mutter geworden. Und zum ersten Male in ihrem Leben hatte sie selbst ein warmes, echtes Gefühl der Zuneigung. Nein, nicht das erstemal. Denn den Tonl, das hellblonde Brüderl, das hatte sie doch innig lieb gehabt. Und nach dem Tonl sehnte sie sich auch manches Mal und erzählte es der Schwester, und die Schwester tröstete sie dann immer.

„Weißt, wenn der Gaudenz wieder nach Rattenberg kommt, dann schauen wir, daß wir den Tonl kriegen!“ stellte sie der Sophie in Aussicht.

Da lachte dann das braune Mädel über das ganze Gesichtel. Es war jetzt liebreizend anzusehen, dieses braune Zigeunergesichtel. Das Falsche, Verschlagene und Boshafte, das früher in diesen Zügen lag, war beinahe verschwunden. Die Wangen waren voller und dunkelrot geworden. Und auf jeder Seite zeigten sich beim Lachen zwei allerliebste kleine Grübchen. Die glattgescheitelten, pechschwarzen Haare, die das Kind jetzt in zwei Zöpfen um den Kopf geflochten trug, wollten sich der neuen Ordnung noch nicht recht fügen. Einige krause, widerspenstige Locken fielen trotz aller Pflege stets neuerdings eigensinnig auf die niedere, etwas zu breite Stirn des Kindes. Die lebhaften schwarzen Augen hatten noch immer den suchenden, wie auf Beute lauernden Blick und schauten unter den rassigen, etwas zu dicht gewachsenen Brauen und unter den langen schwarzen Wimpern fast ungewöhnlich groß aus.

„Ja, und dann, was fangen wir dann mit dem Tonl an? Dableiben kann er ja nit!“ gab das Kind zur Antwort, und sein Gesichtel war schon wieder ganz ernst geworden.

Die Schwester wußte Rat. „Den geben wir zum Herrn Pfarrer. Der Herr Pfarrer wird schon sorgen für ihn!“ beruhigte sie das Kind.

Damit war die Sophie sehr zufrieden. Zum Herrn Pfarrer hatte sie alles Vertrauen. Der hatte ja auch für sie gesorgt, daß sie ein ordentlicher Christenmensch geworden war.

Die Schwester Salesia hatte ihr alles erzählt. Sie hatte zwar nicht viel davon verstanden. Aber soviel wußte sie jetzt doch ... der hochwürdige Herr Pfarrer hatte es durchgesetzt, daß sie nun wie jedes Kind im Kloster ihre Dokumente besaß und daß sie auch einen Vormund hatte. Und das war der lange Schmied von Rattenberg. Und der Gaudenz Keil hatte von jetzt ab kein Recht und keine Gewalt mehr über sie, sondern nur der lange Schmied. Das gönnte sie dem Gaudenz vom ganzen Herzen.

Als es ihr die Schwester erzählte, war sie so froh darüber, daß sie mitten in der Sakristei herumhüpfte und auch die Schwester mit sich fortriß. Beinahe wäre die Schwester Salesia deswegen ernstlich bös geworden. Aber nur beinahe. Denn ernstlich, wirklich ernstlich böse werden, das konnte die Schwester nicht. Und mit der Sophie schon erst recht nicht. —

Die Oberin hatte dem schönen Freundschaftsbund zwischen der alten Schwester und dem Karrnerkind ein jähes Ende bereitet. Mit fester, rauher Hand war sie dazwischen gefahren und hatte den zarten Trieb des Guten in dem jungen Herzen des Kindes vernichtet.