Ganz erschrocken und verstört hatte das Kind damals auf die Oberin geschaut, und blutrot war sie geworden vor Scham. Gerade das, was die alte Schwester ängstlich bestrebt gewesen war zu verhüten, war nun geschehen. Zum ersten Male hatte Sophie ihre Abstammung als eine Schmach empfunden. Mit einem Male fühlte sie es deutlich, daß trotz aller christlichen Nächstenliebe, von der sie immer hörte, eine große und tiefe Kluft bestand zwischen ihr und den andern im Kloster.

Vor allen Kindern, öffentlich hatte sie die Oberin ein diebisches Zigeunermädel geheißen, das seinen Stand nicht verleugnen konnte und das nicht wert war, daß man sie unter die Schar der guten, wohlgesitteten Kinder aufnahm.

Und Sophie sah es deutlich, wie die Kinder alle von ihr abrückten. Sie fühlte es in jenem Augenblick ... da war kein Unterschied zwischen diesen frommen Menschen im Kloster und jenen Menschen, die dem Karrnerkind fluchend und schimpfend die Tür vor der Nase zugeschlagen hatten. Kein Unterschied zwischen jenen Menschen, die sie mieden, haßten und brandmarkten, als ob sie von ekler Krankheit befallen sei.

Warum haßten die Menschen das Karrnerkind? Sophie hatte nie darüber nachgedacht ... und wenn auch, sie hätte die Erklärung dafür doch nicht gefunden. Es war ihr auch im Kloster nie eingefallen, die Schwester Salesia darum zu befragen. Die Güte und Liebe ringsum verwischten die kränkenden Spuren von ehedem.

In jenem Augenblick der öffentlichen Demütigung aber überkam das Mädel wieder der alte, wilde Haß. Mit dunklen, haßerfüllten Augen sah das Kind auf die Oberin, die sie bis dahin wie eine Heilige verehrt hatte.

Warum demütigte sie diese Frau vor allen Kindern? Warum warf sie ihr ihre Abstammung vor als eine Schmach? Was hatte sie getan? Warum war es eine Schande, ein Karrnerkind zu sein? ... Die weichen Züge des Kindes verzerrten sich, und ihr frisches Gesicht wurde aschfahl vor innerer Wut, so daß sie für einen Augenblick ganz alt und häßlich aussah.

Das wilde Blut des Mädels tobte. Die kleinen Fäustchen ballten sich, und ihre Schultern spannten sich straff nach vorne. Genau so war es damals, wenn Gaudenz Keil in viehischer Bosheit das Kind reizte, bis sie ihn wie eine toll gewordene Katze anfiel. Auch diesmal hatte das Kind die Haltung, als wollte sie sich auf die Oberin stürzen.

Was hatte sie getan, daß man sie haßte und demütigte? Gar nichts hatte sie getan. Rein gar nichts. Nur erzählt hatte sie’s der Schwester Salesia, und alle Kinder waren dabei gestanden und hatten es mit angehört. Und waren dann in ein unbändiges Gelächter ausgebrochen, so daß alle Versuche der alten Schwester, das übermütige junge Volk zu beschwichtigen, vergebens waren und der ungewöhnliche große Lärm die Oberin herbeilockte.

Im Nu war alles still. Hoch und gebietend sah die Oberin im Kreise herum, und selbst die alte Schwester hatte unter den strafenden Blicken dieser Frau einen ganz roten Kopf bekommen. Scheu wichen die Kinder zur Seite und grüßten ehrfurchtsvoll.

Die Oberin schaute forschend auf die Mädchen. Mit kaltem, hartem Blick. „Wer ist die Schuldige?“ frug sie dann laut.