So war es mit Valentin Rapp. Er war nur scheinbar ruhig geworden. Nur zum Schein tat er, als hielte er das für wahr, was Sophie ihm sagte. In Wirklichkeit aber glaubte er ihr nichts mehr.
Es war ein qualvoller Zustand der vollständigen Zerrüttung und des seelischen Zwiespaltes, in dem sich Valentin Rapp jetzt befand. Ein Zustand, der ihn oft für Augenblicke an den Rand des Wahnsinns brachte. Und in einem solchen Zustand von Wut und Verzweiflung ging der Rechtsanwalt hin und erstand sich eine Waffe. Er konnte nicht anders ... er mußte es tun.
Erst dann, als er die Waffe hatte und sie stets bei sich trug, war er ruhiger geworden. Es war ein kleines blitzendes Ding. Ein Dolch. Fast zärtlich barg ihn Valentin Rapp in der inneren Brusttasche seines Rockes.
Es war ihm zur fixen Idee geworden: Nie wieder wollte er sich von diesem scharfen, glitzernden Ding trennen ... bis er die volle Gewißheit hatte von der Schuld oder Unschuld seiner Gattin.
War sie schuldig ... dann ... die Waffe war gut und seine Hand sicher. Mit ihrem Blut sollte Sophie die Schande sühnen, die sie ihm angetan hatte.
Jene Unterredung, die Valentin Rapp mit dem Patscheider gehabt hatte, wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf. Immer von neuem mußte er an den widerlichen Ton denken, mit dem Johannes Patscheider von Sophie gesprochen hatte.
Was konnte es nur sein, das zwischen diesen beiden vorgefallen war? ... Valentin Rapp erinnerte sich an den unverkennbaren Abscheu, den Sophie gehabt hatte, als er ihr den Namen dieses Mannes nannte. Das war ehrlich gewesen. Und trotzdem log sie. Valentin Rapp fühlte es deutlich, daß sie log.
Er sah es an dem demütigen Blick ihrer Augen, die ihn oft so angsterfüllt anschauten, als wollten sie ihn um Vergebung bitten. Warum kam das Weib nicht zu ihm? Warum gestand sie ihm nicht die Schuld? Warum ...?
Hätte er ihr wirklich verziehen? Er hätte ihr nicht vergeben. Das gestand sich Valentin Rapp offen ein. Nie ... niemals im Leben ... hätte er Sophie eine Schändung seines Namens verziehen.
Er liebte dieses Weib rasend ... noch immer ... trotz allem. Er hatte sie aus der Niedrigkeit zu sich erhoben. Er hatte ihr alles gegeben, was ein Mann dem Weibe bieten kann. Er hatte ihr freudig und gern seine Freiheit zu Füßen gelegt. Nur um sie für immer zu besitzen, hatte er auf eine tatenreiche und erfolggekrönte Laufbahn verzichtet.