Erst jetzt ... in diesen einsamen, selbstquälerischen Stunden kam ihm dies alles zum Bewußtsein. Er sah es jetzt erst, wie der stolze Aufstieg, den er sich als Ziel gesteckt hatte ... langsam ... ganz langsam, aber stetig ... abwärts gegangen war. Seit den ersten Jahren seiner Verheiratung waren der Einfluß und das Ansehen, das Valentin Rapp in der Stadt besaß, allmählich geschwunden. Warum wohl?

Valentin Rapp dachte nach ... immer mehr und mehr ... Und da er nachdachte, erinnerte er sich an viele kleine Einzelheiten, denen er damals, als sie sich ereigneten, keinen Wert beigemessen hatte. Sie hatten aber trotzdem ihre Bedeutung gehabt. Denn Valentin Rapp hatte keinen einzigen seiner ehrgeizigen Pläne verwirklicht gesehen.

Der Rechtsanwalt dachte auch an die vielen zarten und unzarten Mahner, an jene, die ihm die Augen hatten öffnen wollen und denen er die Tür gewiesen hatte. So glücklich war er in seiner Ehe gewesen, daß ihn nichts in seinem Glauben an die Treue seines Weibes hatte erschüttern können. Und ohne die geringste Bitterkeit hatte er es mit angesehen, wie sein alter Gegner Johannes Patscheider immer mächtiger geworden war.

Valentin Rapp hatte sich einmal dazu berufen geglaubt, zu den hervorragendsten politischen Führern des Landes zu zählen. Und die Leute in Innsbruck hielten ihn nicht nur im hohen Maße dazu befähigt, sondern sie wußten es auch, daß er würdig und schneidig wie selten einer die Interessen des Landes hätte vertreten können. Das war damals gewesen ... vor Jahren, ehe Doktor Rapp die Sophie Zöttl zur Frau genommen hatte.

Als es einige Jahre später zu den Wahlen kam ... da trat ein anderer, ein Fremder, an die Stelle, die Valentin Rapp hätte einnehmen sollen. Der Rechtsanwalt hatte sich bei dieser Niederlage nicht viel daraus gemacht. Er war eine Kampfnatur und war überzeugt davon, daß er sich und seine Ideale mit der Zeit doch noch durchsetzen würde. Und wenn nicht ... dann machte es eben auch nichts. Die Hauptsache blieb es, daß er als Mensch glücklich geworden war. So glücklich und zufrieden, wie er es von andern selten im Leben erfahren hatte. Und all das Glück verdankte er dieser einen Frau ... die sein alles auf Erden ausmachte.

Valentin Rapp hatte sich nie nach einem Kind gesehnt. Sophie war ihm alles und ersetzte ihm alles. Und jetzt ... jetzt zermürbte der nagende Zweifel an ihrer Treue sein Gehirn und brachte ihn dem Irrsinn nahe.

Hatten jene warnenden Mahner doch recht gehabt? War Sophie tatsächlich eine Treulose, eine schamlose Ehebrecherin? War sie so niederträchtig, falsch und gemein, daß sie ihn Jahre hindurch betrog und belog ... und ihm Liebe heuchelte?

Wie konnte das Weib ein solches Spiel durchführen? War es überhaupt möglich bei der Ursprünglichkeit ihres Temperamentes, daß sie ihm Liebe gab, ohne sie zu fühlen? Das konnte nicht sein. Unmöglich. Sie mußte ihn ja lieben. Gerade sie ... dieses wilde, triebhafte Weib.

Triebhaft? War sie das wirklich? Ja ... sie war es. Doktor Rapp hatte ja damals in der ersten Zeit der Ehe selbst Angst bekommen vor diesem elementaren Ausbruch ihrer Natur. Er glaubte, sie durch seine Klugheit eingedämmt zu haben. War das Täuschung?

Valentin Rapp fühlte es immer deutlicher, daß es nur einen einzigen Ausweg gab aus dieser Hölle seiner seelischen Zweifel und Qualen. Er mußte Gewißheit haben, ob Sophie rein oder sündig war.