Mehr als einmal hatte er ihr eine Falle gestellt. War fortgegangen und dann unvermutet wieder zurückgekommen. Sie glaubte ihn verreist, und er schlich heimlich in der Nacht um sein Haus und lauerte auf den Verrat, den sie nun an ihm begehen würde. Aber Sophie war standhaft. Sie ahnte die Gefahr und mied sie.
Erst nach mehreren Wochen, als Valentin Rapp sich ruhiger gab, wurde Sophie kühner.
Es war im Dezember ... die Zeit kurz vor Weihnachten. Valentin Rapp hatte eine geschäftliche Reise zu machen. Eine Reise nach Wien. Sophie wußte schon längst von dieser Fahrt und freute sich auf die Freiheit dieser Tage, wie ein eingesperrter Vogel sich aus seinem Käfig sehnt.
Sie wußte es, daß es sich um die Vertretung in einem Prozeß handelte, der einige Tage dauern konnte.
Als der Gatte von ihr Abschied nahm, fragte ihn Sophie im gleichgültigsten Ton: „Sag’, Mannderl, wie lang bleibst denn aus?“
„Höchstens zwei Tag’. Übermorgen in der Nacht komm’ ich!“ erwiderte Doktor Rapp.
Sophie atmete auf. Zwei Tage ... es war wenig. Aber sie würde ihre Freiheit genießen!
Der Rechtsanwalt beobachtete seine Frau mit argwöhnischen Blicken. Er sah, daß sie zu Boden schaute, und er glaubte später in ihren dunklen Augen einen Schimmer von aufleuchtender Freude zu bemerken.
Die Falle war also gut. Übermorgen wollte er kommen ... sagte er. Der Prozeß in Wien war aber erst in zwei Tagen fällig.
Mit großer Zärtlichkeit und Liebe nahm Sophie auf dem Bahnhof zu Innsbruck Abschied von dem Gatten. Sie sah, wie Valentin Rapp den direkten Wagen nach Wien bestieg. Und sie winkte ihm mit ihrem kleinen feinen Spitzentaschentuch so lange nach, bis der Eilzug ihren Blicken entschwunden war.