Diese beiden Nächte sollten ihm die Entscheidung bringen über sein ferneres Leben. Und sie würden sie auch bringen. Valentin Rapp fühlte das klar und deutlich. Und deshalb war diese große Ruhe über ihn gekommen.

Als der Rechtsanwalt durch den Bogen des Bahnviaduktes schritt, der die nach Mühlau führende Straße überspannt, da hörte er die Uhren der Türme von Innsbruck elf Uhr schlagen. Eine nach der andern. Die einen in hellen, kurzen Tönen und die andern in langsamen, feierlichen Schlägen, als wollten sie den Lauf der Zeit eindämmen, auf daß er nicht so schnell verrinne.

Elf Uhr ... Es war Zeit ... noch viel Zeit. Doktor Rapp würde noch lange warten müssen ...

Unwillkürlich schlug der Rechtsanwalt jetzt eine langsamere Gangart ein. Fast gemächlich ging er den Rest des Weges. Die Hände auf dem Rücken, als mache er nur zu seinem Vergnügen einen nächtlichen Spaziergang.

Er achtete nicht auf die eisige Luft, auf den starken Wind, der ihm schneidend durch die Kleider fuhr. Er ging weiter ... immer gerade aus ... bis zur Kettenbrücke ...

Viele Hunderte von blitzenden Lichtern erleuchteten die schlafende Stadt. In dem heftigen Wind schienen sie unruhig zu flackern, als trieben sie mit den Milliarden glitzernder Sternchen droben am Nachthimmel ein lustiges Wettspiel.

Auf der Kettenbrücke blieb Doktor Rapp stehen. Es war so still und ruhig da ... kein Mensch ... kein Laut ... nichts. Fast etwas Unheimliches lag in dieser Stille und bedrückte den einsamen Wanderer. Das Dunkel der Nacht lastete schwer auf der Stadt. Trotz der weißen Schneedecke und den flackernden Lichtern war es dem Rechtsanwalt, als brütete eine tiefe Traurigkeit über der Stadt. Oder erschien es ihm nur so ... weil er selber so traurig war ... so unsagbar traurig ...

Je näher er seinem Hause kam, desto langsamer ging Doktor Rapp. Und ganz ruhig war er ... ganz ruhig ... Er mußte ja ruhig sein ... ruhig und geduldig ... und warten ... noch lange ... lange Stunden vielleicht.

Valentin Rapp ging langsam und immer langsamer auf sein Haus zu. Als er es sah, umschlich er den Garten der Villa, die sein eigen war, wie ein Dieb. Lauerte und spähte umher ... Er sah nichts. Gar nichts.

In einem Zimmer des ersten Stockwerkes brannte ein Licht. Es war das Wohnzimmer. Und droben im Giebel war noch ein Fenster beleuchtet. Das war am andern Ende des Hauses. Das Mädchenzimmer. Sonst überall Dunkel.