„Nein, Felix ... ich muß es sein ... laß mich ... ich bitt’ dich drum ...“ Sophie faltete die Hände und sah ihn flehend an. „Für mich ist’s Leben doch aus ... ich mag nimmer sein ... Jetzt nimmer ... jetzt ... wo alles zu Ende ist und ich so glücklich war.“

„Glaubst du, daß ich noch leben könnte ... daß ...“ stieß er hervor.

„Ja ... du mußt leben ... Felix!“ sagte Sophie fest und beinahe gebieterisch. „Du mußt arbeiten und für andere leben. Schaff’ und werd’ groß!“

Leise und ehrerbietig küßte der schuldige Mann die Hand des sündigen Weibes. Und noch einmal fuhr sie ihm liebkosend über das tiefgebeugte Haupt. Dann nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, mit derselben mütterlichen Gebärde, wie sie es so oft getan hatte, neigte sich tief über ihn und küßte ihn lange und innig ... Es war wie ein letztes, unendliches Versinken ineinander.

Dann riß sie sich gewaltsam von ihm los. „Geh’ ... jetzt ... Felix ...“ bat Sophie leise und wandte sich mit müder Gebärde von ihm ab. „Geh’ ... es soll dich niemand hier sehen. Kein Mensch soll’s je erfahren ... daß du’s getan hast. Geh’ ...“ bat sie nochmals, da sie sah, daß Felix noch zögerte. Aber sie schaute den Mann, der ihr das Höchste geworden war auf der Welt, mit keinem Blick mehr an. Sie hatte nicht mehr den Mut dazu.

Lautlos und unhörbar schlich sich Felix von dem Ort seiner Tat. Schlich hinaus in die Dunkelheit und Stille der Nacht.

Lange noch stand Sophie regungslos in der Mitte des Zimmers und starrte auf die Tür, durch die Felix gegangen war. Fort ... nun war er fort ... Sie hatte ihn wohl zum letztenmal gesehen ...

Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des Weibes. Allein ... nun war sie allein ... ganz allein ...

Mit unsicheren, ängstlichen Blicken sah sie zu der Leiche hinüber die am Boden lag. Wie unheimlich es hier war. Ein eisig kalter Schauer durchfuhr ihre Glieder ... es fror sie ... Es war kalt in dem Zimmer ... still und kalt ... wie in einer Totengruft.

Mit vorsichtig zögernden Schritten schlich sich Sophie zu der Stelle hin, wo ihr toter Gatte lag. Ganz nahe kam sie heran ... ganz nahe ... Und dann kniete sie nieder. Kniete sich zu ihm und fuhr ihm mit bebender Hand tastend und suchend über den leblosen Körper, als müßte sie doch noch ein Lebenszeichen in ihm entdecken.