Jetzt ... nachdem alles so gekommen war ... fühlte sie nicht mehr jene tiefe Trauer um den Verlust des Kindes. Wie eine Erlösung war es fast. Wie gut, daß das Dorele hatte sterben dürfen! Die einsame Frau neidete ihrem Kinde die Todesruhe.

War denn das Leben wirklich wert, gelebt zu werden? Es brachte ja doch nur Jammer und Unglück.

Seit ihrer Aussprache mit Felix hatte Adele es versucht, milder und gerechter über den Gatten zu denken. Sie wußte, daß sie recht getan hatte, ihm den Weg der Wahrheit zu weisen. Aber nun fühlte sie mehr Mitleid mit ihm ... Mitleid mit der hilflosen Schwäche dieses Mannes.

Sie hatte ihn mit keinem Wort und mit keinem Blick zur Erfüllung seiner Pflicht gemahnt. Er sollte erst ruhig werden ... ganz ruhig und dann handeln.

In dieser einsamen Christnacht stieg der ganze Jammer ihres zertretenen Lebens in Frau Adele auf. Aber sie klagte nicht an. Sie suchte zu verstehen, und sie verzieh dem Gatten.

Ein warmes, echtes Mitleid mit Felix hieß Adele in das Schlafzimmer ihres Mannes gehen, um nach ihm zu sehen. Sie wollte ihm jetzt ... in dieser heiligen Weihnacht gute, verzeihende Worte sagen. Warme Worte ... die sie noch vor wenigen Tagen nicht hatte sprechen können.

Als Adele das dunkle Schlafgemach des Gatten betrat ... war das Zimmer leer. Sie drehte das Licht auf. Das Bett lag unberührt. Felix war nicht da gewesen.

Eine innere Unruhe bemächtigte sich der Frau. Ließ sie die Nacht bis zum Morgen durchwachen. Was war es nur? Warum war Felix fortgegangen? Immer mehr wuchs die Sorge in dem Herzen der Frau.

Als auch die ersten Stunden des Tages ihr keine Kunde von dem Manne brachten ... da eilte sie in ihrer Angst zu ihrem alten Freund, dem Rat Leonhard. Der mußte ihr helfen ... ihr beistehen.

Es geschah nicht oft, daß der Rat Leonhard Besuch bekam. Und zu so früher Tagesstunde schon gar nicht. Er war just fertig geworden mit seinem Frühstück und gerade zum Ausgang gerüstet, als Adele hastig, erregt und kreidebleich seine kleine altmodische Junggesellenbude betrat.