Ziemlich verdutzt sah sie der alte Mann an. In seiner Zerstreutheit vergaß er sogar, ihr einen Platz anzubieten. Er wäre auch in einige Verlegenheit gekommen, wohin er sie hätte sitzen lassen können.
Da lagen überall Sachen umher. Bücher, die schon ganz verstaubt waren, lagerten aufgestapelt auf den paar Rohrstühlen und zeugten davon, daß der Rat Leonhard wohl eine ansehnliche Zahl guter Bücher besaß, daß er sich aber noch nie dazu hatte entschließen können, Ordnung unter ihnen zu halten. Auch ein großer Bücherschrank stand an der Längsseite der einen Wand zu Füßen des bescheidenen Bettes.
Es war alles vollgeräumt in dem Zimmer und so wenig Platz, daß zwei Leute sich kaum darin bewegen konnten. Ein altes, schon ganz verblichenes und herabgekommen aussehendes Sofa war belegt mit Kleidern und Wäsche. Der Tisch war vollgekramt mit vielerlei Sachen, die in harmonischer Ruhe und Eintracht beieinander lagen. Pfeifen, große und kleine, Tinte und Schreibzeug, daneben die Überreste eines Frühstücks, Tassen, Teller mit Brotkrumen und Brot und Butter. Kleiderbürsten, Tabaksasche, Federkiele und Hühnerfedern, Briefpapier und eine Wasserflasche breiteten sich in wahrhaft künstlerisch genialer Unordnung auf dem Tische aus.
Das Zimmer des Herrn Rates besaß nur ein breites Doppelfenster. Und obwohl draußen die Sonne hell und freundlich schien und die Luft klar und frisch war, so war es hier drinnen doch dumpf, stickig und düster.
Der Rat Leonhard liebte es nicht, viel Luft und Sonne in sein Gemach einzulassen. Er war für strenge Absperrung der Luft und betrachtete dies als eine Vorsichtsmaßregel gegen den verderblichen Einfluß des Südwindes, der die Stadt den größten Teil des Jahres beherrscht und die Nerven vieler Bewohner foltert.
Hinter dem Kleiderschrank, der in einer Ecke des Zimmers stand, war eine große Bilderkiste. Sie war so breit und massig, daß der Kasten ziemlich weit in das Zimmer hereingerückt stehen mußte, um für sie Raum und Platz zu schaffen. Dadurch machte das Zimmer selbst in seinen besten Zeiten einen unordentlichen und unaufgeräumten Eindruck. In der großen Kiste aber befand sich das Bild von Felix Altwirth, das der Herr Rat damals nach jener verunglückten ersten Ausstellung in Innsbruck erstanden hatte.
Als Adele das Zimmer des alten Herrn betreten hatte, wußte es der Rat Leonhard sofort, daß etwas ganz Außerordentliches vorgefallen sein mußte.
Es war lange her, daß er die junge Frau gesehen hatte. Fast solange, als das Dorele tot war. Nur einige Male hatten sie sich bald darauf am Grabe des Kindes getroffen und gesprochen. Und das nur flüchtig.
Der alte Mann wich Adele aus. Er scheute sich davor, ihr Ratgeber zu werden. Denn nun wußte er, daß er keinen Grund mehr anzugeben hatte, warum Adele bei dem Gatten bleiben sollte, im Falle sie ihn deswegen befragen würde.
Er hatte sich schon immer gewundert, der alte Herr, daß Adele jetzt nach dem Tode des Kindes noch bei Felix geblieben war. Und doch hatte er es im stillen gutgeheißen. Auch er empfand es wie einen Segen für Felix Altwirth, solange die Frau in seiner Nähe weilte.