In den Tagen der allerersten Aufregung nach der Ermordung des Doktor Rapp hatte der Rat Leonhard ein unbestimmtes Gefühl, als ob er zu Adele gehen müßte, um nach ihr zu sehen. Er unterließ es aber. Wozu sich einmischen? Vielleicht kamen sich die beiden Gatten jetzt in dieser für Felix zweifellos schweren Zeit näher ... lernten sich mehr verstehen ... wenn kein störendes drittes Element dazwischen trat.

Störend aber war in den Augen des alten Herrn jeder Mensch, ob Mann oder Frau, der auch nur den Versuch machte, vermittelnd auf Ehegatten einzuwirken. Die mußten von selber wieder den Weg zueinander finden. Auch die beste Absicht eines Fremden konnte mehr verderben als nützen.

So blieb der Rat Leonhard den Altwirths fern. Ging nicht zu ihnen, sondern wartete auf den Zufall, der ihn wieder mit Adele zusammenführen würde.

Und jetzt war Adele zu ihm gekommen. Voll heißer Angst und Sorge war sie gekommen und bat ihn, ihr beizustehen in ihrer Bedrängnis.

Der Rat Leonhard warf einen kurzen, stechenden und forschenden Blick auf die junge Frau. Er sah, daß sie ihm nicht alles gesagt hatte, daß sie den eigentlichen Grund ihrer Angst ihm nicht gestehen wollte.

Da sie nicht von selber redete, drang er auch nicht in sie. Er wirkte nur mit guten Reden beruhigend auf sie ein und bat sie, wieder nach Hause zu gehen und dort auf ihren Mann zu warten.

„Vielleicht ist er schon daheim ... wenn Sie kommen!“ versuchte er sie zu trösten. „Was soll ihm denn auch passiert sein? Sie sind halt noch alleweil ein bissel aufgeregt. Wunder ist’s ja keins!“ machte er dann.

„Helfen Sie mir ... Herr Rat ...“ bat Adele flehend. „Er kommt nicht wieder. Ich weiß es!“ sagte sie angstvoll.

„Jetzt gehen’s nach Haus!“ befahl der alte Herr kategorisch. „Und überlassen’s alles andere mir! Ich werd’ schon für alles sorgen ... und dann ... später ... komm’ ich nachschauen ... wie’s geht.“

Der Rat Leonhard hatte selber das Gefühl, daß es besser sei, in Adele nicht Hoffnungen zu erwecken, an die er selbst nicht glaubte. Sie mußte es ja wissen, warum ihre Angst und Sorge so begründet waren. So ging denn der Rat Leonhard und veranlaßte alles Nötige, um über das Verschwinden des Malers Altwirth Erkundigungen einzuziehen.