Aber erst am nächsten Tag wußte man es mit Bestimmtheit, was geschehen war. Droben im Mittelgebirge ... in einem der schönen, herrlichen Wälder, die sich von Natters gegen das Oberinntal erstrecken, da hatten sie den Maler Altwirth erschossen aufgefunden ...

Die Frau Therese Tiefenbrunner erfuhr die Nachricht am Vormittage des zweiten Weihnachtstages. Ahnungslos wandelte sie am Arme ihres Gatten durch den Hofgarten mit langsamen, bedächtigen Schritten. Sie hatte ein neues schwarzes Kleid von schwerem, kostbarem Seidenstoff an. Das mußte sie heute zum ersten Male spazieren führen. Sie mußte dabei sorgsam darauf achten, was wohl die andern der ihr bekannten Damen Neues an Hüten, Pelzen und Kleidern aufzuweisen hatten.

Der Hofgarten war in den Vormittagstunden der Sonn- und Feiertage der Treffpunkt der Innsbrucker vornehmen Welt. Im Sommer spielte da die Musik in dem viereckigen luftigen Pavillon, der den Mittelpunkt des Gartens bildet. Da hüpften und sprangen die Kinder ein und aus. Und im bunten Durcheinander bewegte sich hier alt und jung im frohen, heiteren Geplauder. Andere wieder standen abseits und ließen bei den Klängen der Musik die Reihen der Menschen vorbeiziehen. Oder sie zerstreuten sich auf den weiten und gutgepflegten Wegen der schönen, blumengeschmückten und von alten Bäumen flankierten Gartenanlagen.

Im Winter ging es im Hofgarten nicht so lebhaft zu. Da benützte man ihn mehr als Durchgang zu der großen Promenade, die draußen am Rennweg vor dem Theater war. Dort spielte die Stadtmusik, oder die Militärkapelle ließ mit Schneid und Schmiß ihre lockenden Weisen ertönen. Und im lebhaften Geplauder traf sich hier alles, Zivil und Militär, jung und alt, Kinder und Greise. Wie ein fröhlicher, lustiger Bienenschwarm war’s. Auf und ab ... in Reih und Glied ... Lachen und Schäkern ... heimlicher und offener Flirt.

Wem’s zu bunt wurde hier draußen am Rennweg, der flüchtete aus dem Gewimmel hinein in den stilleren Hofgarten. Die mächtigen Bäume da drinnen breiteten ihre weiten, schneebedeckten Äste wie schützend über die im Winterschlaf ruhende Erde. Und so heimlich und still war’s da drinnen, trotz der vielen Fußgänger, die jetzt die sonst einsamen Wege belebten.

Die Frau Baurat Goldrainer und die Frau Professor Haidacher hatten sich auch in den Hofgarten hereingeflüchtet. Sie kamen dem Ehepaar Tiefenbrunner gerade entgegen, und auf ihren Gesichtern war ehrliche Bestürzung und Teilnahme zu sehen. Die Frau Goldrainer war eine von den ersten gewesen, die von dem Ende des Malers Altwirth erfahren hatte. Und nun wollte sie der Apothekerin ihr Beileid aussprechen und erkannte auf den ersten Blick, daß diese noch gar keine Ahnung von dem Unglück hatte.

Die Apothekerin, die zuerst ein recht vergnügtes Gesicht machte, als sie die beiden Damen begrüßte, sah jetzt recht hilflos drein und wußte gar nicht recht, wie ihr geschah.

„Beileid ... sagen Sie ... Frau Goldrainer?“ fragte sie verwundert. „Ich muß schon sagen ... daß ich ...“

„Ja, wissen’s denn noch nix ... Frau Tiefenbrunner?“ fiel ihr die Frau Goldrainer ins Wort. „Ihr Neffe ... der Felix Altwirth ...“

„Der Felix?“ machte der Apotheker.