„Die? Die braucht Ihnen nit leid zu tun, Frau Haidacher!“ sprach sie erregt. „Wenn die nit g’wesen wär’ ...“

„Tun’s der Frau nicht Unrecht, Frau Apotheker!“ unterbrach sie die Professorin energisch. „Mir scheint eher ... daß eine andere die ganze Schuld trifft ... eine ... die wir einmal haben unter uns dulden müssen. Die Mörderin!“

Frau Haidacher sagte das hart und mit einem ehrlichen inneren Abscheu. Jetzt erst glaubte sie es zu verstehen, warum sie sich damals innerlich so abgestoßen von Sophie gefühlt hatte. Sie hielt sich für die einzige, die es instinktiv geahnt hatte, daß Sophie Rapp einmal zu jeder schlechten Tat fähig sein werde.

Simon Tiefenbrunner, der Apotheker, sah ratlos von seiner Frau auf die Professorin und von dieser auf die Frau Goldrainer. Er begriff nicht recht, warum die Damen sich über die Schuld und Unschuld der einen oder der andern ereifern konnten. Schließlich war doch der Felix schuld an allem, wie’s gekommen war. Der war ja immer ein unklarer Kopf gewesen.

Und das sagte der Apotheker jetzt auch den Damen und begann ihnen, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, eine lange Rede zu halten. Aber diese fand ein rasches Ende dadurch, daß Frau Therese mit einem Male so laut und fassungslos zu schluchzen anfing, als habe sie soeben die Kunde von dem Tode eines eigenen Kindes erfahren.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Was nun? Das Leben hatte seinen tollen Reigen zu Ende getanzt ... hatte Menschen zertreten und Blüten vernichtet. Was nun? Warum ertrug Adele noch die Last dieses Lebens? Was erwartete sie noch? Es war ja zu Ende jetzt ... alles zu Ende ... hoffnungslos.

Adele Altwirth wußte es selbst nicht, warum sie noch weiterlebte. Sie gab sich keine Rechenschaft darüber ... sie dachte überhaupt nichts mehr.

Wie eine lebendig Tote verbrachte sie die Tage. Ertrug die Nächte, die schlaflos waren und währten wie Ewigkeiten. Sie ertrug die Menschen, die zu ihr kamen und gute Worte sprachen. Sie antwortete ihnen ... aber sie verstand nicht den Sinn ihrer eigenen Rede. Sie war so ruhig ... so gefaßt ... so kühl und so unempfindsam geworden. Die Leute wunderten sich über sie und sagten ihr nach, daß sie kein Herz haben müsse.