Die Innsbrucker waren jetzt gut zu der Frau. Sie kamen alle zu ihr, um sie zu trösten. Sogar die Tiefenbrunnerischen waren gekommen. Hatten die alte Feindschaft begraben und wollten sich wieder der alleinstehenden Verwandten annehmen. Schließlich war sie doch die Witwe von Felix Altwirth, den Frau Therese Tiefenbrunner, wie sie jetzt immer wieder fest und feierlich erklärte, gleich einem eigenen Kind geliebt hatte.

Innerlich war die Apothekerin ja überzeugt davon, daß Adele die Hauptschuld an dem Tode ihres Mannes trug. Und trotzdem überwand sie sich und ging zu ihr hin. Bot ihr die Hand, und Adele erwiderte den Gruß mit leichtem Druck. Sie sprach nicht viel mit den Tiefenbrunnerischen. Nicht mehr und nicht weniger, als was sie mit allen den andern gesprochen hatte. Sie war auch gar nicht verwundert oder erfreut darüber, daß die Verwandten zu ihr kamen. Es war ihr alles so gleichgültig.

Die Tiefenbrunners gingen von ihr fort mit dem unangenehmen Gefühl, eigentlich ein recht überflüssiger Besuch gewesen zu sein. Mit keinem Wort hatte ihnen Adele gedankt oder sie aufgefordert, wieder zu kommen. Sie war artig gewesen, ruhig und gefaßt und gab klare Antworten auf das, was man sie fragte.

Es war immer dasselbe, was die Leute von ihr wissen wollten. Immer die gleichen Fragen nach Felix Altwirths Ende. Und auch manchmal halb versteckte Anspielungen auf seine Beziehungen zu Sophie Rapp. Ob denn Adele gar keine Ahnung habe, warum er in den Tod gegangen sei? Ob er ihr denn keine Zeile hinterlassen habe ... keine Spur einer Aufklärung?

Nichts. Gar nichts. Immer wieder sagte es Adele. Immer wiederholte sie das gleiche.

Nichts. Sie wisse nichts ... habe keine Ahnung von der eigentlichen Ursache der Tat.

Adele sagte es so ruhig und selbstverständlich und überzeugend. Und sie glaubten schließlich alle daran, daß Felix Altwirth aus unglücklicher Liebe zu Sophie Rapp sich das Leben genommen habe.

Mochten sie es glauben. Es war Adele recht so.

Adele Altwirth wußte es, daß sie durch ihr Schweigen zur Mitschuldigen ihres Gatten geworden war. Wenn sie sprach, war Sophie Rapp frei. Aber sie konnte nicht sprechen. Sie hatte nicht den Mut, zur Anklägerin des Toten zu werden. Sein Geheimnis war gut verwahrt bei ihr. Sie würde den Weg der Wahrheit, den sie dem Lebenden gewiesen hatte, nicht gehen.

Zu niemandem hatte Adele darüber gesprochen. Zu keinem Menschen hatte sie auch nur eine Andeutung gemacht. Nicht einmal zu dem alten Rat Leonhard. Der war vielleicht der einzige von allen, welcher der Wahrheit am nächsten kam. Aber er sagte nichts. Sprach seinen Verdacht nicht aus.