Warum sollte er das Andenken eines Toten schänden? Sophie Rapp war es in seinen Augen wirklich nicht wert, daß man sich um ihretwillen Skrupel machte. Das Weib hatte gesündigt genug und viel verbrochen. Der Rat Leonhard war felsenfest davon überzeugt, daß Sophie Rapp die Schuldige sei. Er hegte nur für sich den Verdacht, daß Felix von der Tat wußte oder vielleicht auch daran beteiligt war. Aber diese Mutmaßung behielt er für sich. Und auch Adelen gegenüber verriet er sich mit keiner Silbe, um sie nicht zu beunruhigen.

Wenn sie das Andenken ihres Gatten rein haben wollte, so war das ihre Sache. Ging keinen Menschen etwas an. Und um die andere, die Sophie Rapp, war kein Schade. Wirklich nicht. So hielt es der Rat Leonhard.

Er kam jetzt fleißig zu Frau Adele. Jeden Tag. Sie sprachen nie viel miteinander ... diese beiden. Aber sie verstanden sich. Noch genau so gut wie damals in den ersten Jahren des Elends droben auf der Weiherburg.

Auch Doktor Storf und Frau Hedwig kamen zu Adele. Als ob es die Frau des Arztes gewußt hätte, daß sie ihr bescheidenes Glück, welches sie nun genießen durfte, nur dem Takt und der Ehre dieser Frau verdankte, so rührend benahm sich die kleine Frau in dieser schweren Zeit. Sie sorgte für Adele, so gut sie konnte, lud sie zu sich ein und tat alles, um ihr Freude zu machen und sie aufzuheitern.

Und wirklich waren auch jene Stunden die einzigen, in denen das starre Gefühl in der Seele der einsamen Frau sich etwas zu lösen begann. Hier in diesem Kreise konnte sie wenigstens einiges sprechen. Konnte sprechen von ihrer Zukunft und von ihren Plänen.

Und doch war es ihr, als spräche sie dann von einer andern, einer fremden Frau. Von einer Frau, deren Schicksal sie eigentlich gar nicht interessierte. Sie sprach von ihr, weil sie sah, daß sie dadurch den Freunden eine Freude bereiten konnte.

Mit inniger Besorgnis hatte Max Storf die Wandlung wahrgenommen, die in Frau Adele vorgegangen war. Da er sie besser kannte als alle die andern, so fürchtete er für ihre Gesundheit. Er wußte, daß diese Kälte und Gleichgültigkeit unnatürlich waren und daß das Schwere, das sie erlebt hatte, imstande war, ihr ganzes Leben zu zerstören.

Noch nie war es zu einer Aussprache zwischen den beiden gekommen. Aber sie wußten und fühlten es trotzdem, daß sie einander noch immer alles bedeuteten.

Adele Altwirth war nicht trennend zwischen Mann und Weib getreten. Sie hatte ihre Macht über Max Storf dazu benützt, ihn seiner Frau wieder zuzuführen. Und wenn es auch kein großes Glück war, das die beiden Gatten jetzt zusammen genossen, so war doch ein Behagen und eine stille Zufriedenheit bei ihnen eingekehrt.

Frau Hedwig hatte keine Ahnung davon, in welchem Maße sie das alles Adele verdankte. Adele Altwirth hatte es im Laufe der Zeit verstanden, den Freund zu begütigen ... hatte es verstanden, die Schwächen, die er an seiner Gattin auszusetzen fand, zu beschönigen und ihn auf ihre guten Eigenschaften aufmerksam zu machen. Und ohne daß es Frau Hedwig bemerkte, übte Adele auch auf sie einen wohltuenden Einfluß aus. Wirkte auf sie ein, daß sie gar manches unterließ, von dem Adele wußte, es sei dem Freunde nicht angenehm.