So konnte Adele mit reinem Gewissen und ehrlichem Auge der Arztensfrau gegenübertreten. Sie konnte deren Freundschaft annehmen und die rührende Liebe und Anhänglichkeit genießen, die sie ihr jetzt zuteil werden ließ. Sie hatte nichts getan ... nichts gesagt, was ihr hätte ein Vorwurf werden können.
Sie hatte ihre Liebe zu dem Freunde bezwungen ... hatte gerungen und gekämpft und war rein geblieben.
Ob sie recht daran getan hatte? Manches Mal warf Adele sich selber diese Frage auf.
War es recht ... daß sie so entsagt hatte?
Hatten nicht vielleicht doch jene Frauen recht ... jene von der Art der Sophie Rapp ... die ihre Natur nicht bezwangen und ihrer Liebe lebten?
Daß Sophie Rapp trotz allem ein echtes Weib geblieben war ... ja sogar innere Größe und Seelenstärke besaß ... das wußte Adele nun mit Bestimmtheit. Nicht viele Frauen ... das wußte Adele ... hätten um ihrer Liebe willen ein so großes Opfer auf sich nehmen können.
Waren nicht jene Frauen ... zu denen sie selber gehörte ... in Wirklichkeit sehr arm zu nennen? Was hatte sie von ihrer reinen Frauenehre? Ein Leben ... umsonst gelebt ... ungeliebt und ungenossen.
Wie hatte Sophie Rapp damals zu ihr gesagt? ... Das Schönste im Leben ist das Vergessen in Liebe. Es ist das einzige wahre und echte Gefühl ... weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht kennt ... der hat sein Leben nicht gelebt.
Das war damals gewesen ... vor einem Jahr.
Und jetzt?