Jetzt war sie eine einsame Frau ... liebeleer und überflüssig auf der Welt.

Ungenützt war sie ihre Bahn geschritten ... hatte redlich versucht, gut zu leben und gut zu sein. Und es war doch alles zum Unheil geworden.

Des Weibes einzig wahre Bestimmung ist es, die Ergänzung im Leben des Mannes zu bilden. Und diese Bestimmung hatte Adele Altwirth nicht erfüllt.

Ihre Ehe war eine Täuschung gewesen, ein Verkennen der Gefühle. Sie wußten es beide nicht besser damals, weder sie noch Felix. Sie hielten die Neigung, die sie füreinander empfunden hatten, für Liebe. Und es war doch nur Freundschaft gewesen ... nichts anderes. Ein Aufflackern ihrer Sinne ... wie es Freundschaften zwischen den beiden Geschlechtern vorauszugehen pflegt.

Sie aber glaubten ... es sei die Liebe ... Es sei jenes heilige, übermächtige und starke Gefühl, das immer währt ... nie vergeht und stets gleich voll und tief und innig bleibt, ein Leben lang.

Jetzt aber hatte Adele die wahre ... große Liebe erkannt. Und sie wußte es auch, daß sie sich beide, Felix und sie selbst, in ihren Gefühlen getäuscht hatten.

Jetzt kannte sie das Verlangen und das Sehnen nach dem Manne. Und da sie es erkannte ... erwürgte sie das, was echt war in ihrer Natur ... entsagte und hielt sich rein.

War es recht von ihr? Immer und immer wieder regten sich dieselben Zweifel und Selbstvorwürfe. Adele war irre geworden ... irre an der Welt und an ihren Moralbegriffen und irre an sich selber.

Und noch ein Gedanke ... ein bitterer Vorwurf quälte die einsame Frau. War sie nicht doch mit schuld daran ... daß Felix in den Tod gegangen war?

War sie damals nicht doch zu hart gegen Felix gewesen? Hatte sie ihn nicht zu streng auf den Weg des Rechtes gewiesen? Sie hätte versuchen müssen, die Schuld mit ihm gemeinsam zu tragen ... die sie jetzt allein trug. Warum hatte sie es nicht getan? Warum?