Adele fühlte sich so unendlich müde jetzt ... Sie wollte nur ruhen ... ausruhen ... nicht mehr sehen und hören ...
Was sollte sie noch beginnen im Leben ... wo alles um sie herum tot war?
Der alte Rat Leonhard trat für Adele ein, als ob sie seine Tochter gewesen wäre. Sie ließ ihn handeln und befolgte ohne Widerspruch, was er für sie bestimmte. Der alte Herr bestand darauf, daß Adele fort sollte von Innsbruck ... fort von der Stadt, die ihr so viel Leid gebracht hatte ... Sie müsse gehen von hier ... gebot der alte Herr. Nur dann ... in gänzlich veränderter Lebenslage ... würde es ihr möglich sein, sich selber wiederzufinden. Und der Rat Leonhard bestand darauf, daß dies bald geschehe.
Er hatte Angst für die Frau, daß durch den bevorstehenden Prozeß gegen Sophie Rapp alle Erinnerungen in Adele aufs neue geweckt werden könnten. Auch Doktor Storf teilte diese Sorge und war froh, daß Adele sich in alles fügte, was man für sie vorkehrte.
Die Wohnung bei den Altwirths droben in Wilten wurde ausgeräumt. Adele sollte ihre Möbel zur Aufbewahrung geben und fortreisen ... weit fort und erst dann wiederkehren ... wenn sie sich eine neue Heimstätte gewählt hatte.
Adele Altwirth ließ die Freunde reden. Sie interessierte sich gar nicht für ihre fernere Laufbahn. Sie wollte nur Ruhe haben ... nichts als Ruhe.
So gleichgültig war ihr alles, was sie selbst betraf, daß sie nicht einmal wußte, wohin sie reisen würde. Wenn man sie fragte, so antwortete sie, nach München. Sie tat es ... weil sie diese Angabe von der Qual weiterer Fragen befreite. Aber sie konnte es sich nicht vorstellen ... daß sie schon in den allernächsten Tagen in München sein würde. Sie hatte keine Freude darüber und knüpfte keine Hoffnung daran. Es war ja so gleichgültig, wo sie sich aufhielt und was mit ihr geschah. So hoffnungslos gleichgültig.
Nicht einmal die Auflösung ihres Haushaltes hatte vermocht, sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Ohne Schmerzempfinden, ohne Bitternis und ohne Wehmut packte sie die Sachen zusammen. Ordnete mechanisch dieses und jenes an.
Manche liebe Erinnerung kam da wieder zum Vorschein ... Erinnerungen an die kleine Dora. Die Tränen lösten nicht die Starrheit ihres Herzens. Es war, als ob jedes Empfinden in ihr gestorben wäre, als ob es keine Linderung und keine Heilung mehr für sie geben könnte.
Adele Altwirth packte mit großer Sorgfalt all die lieben Kleinigkeiten des Kindes ein ... wickelte die Puppen sorgsam in weißes Seidenpapier und umhüllte sie gewissenhaft. Sie bettete dieselben in eine Kiste ... eine nach der andern. Das geschah mit einer so selbstverständlichen Fürsorge, als ob die kleine Dora noch am Leben wäre, mit strengen, kritischen Kinderblicken neben der Mutter stünde und darauf achtete, daß den lieben kleinen Puppenkindern ja kein Leid geschehe.