Kiste stand jetzt an Kiste gereiht wohlgeordnet und wohlverpackt in der Wohnung umher. Die Möbel waren aus ihrem gewohnten Platz gerückt, die Vorhänge waren von den Fenstern genommen und alle die vielen Bilder in Kisten eingepackt. In großen Rollen lagen die Teppiche am Boden. Die Öfen in den Zimmern waren ohne Feuer, und die Türen der Zimmer standen offen, die Verbindungstüren der einzelnen Gemächer und jene, die auf den Hausflur führten.
Es war kalt und traurig in den Zimmern. Ohne daß eines der Fenster geöffnet gewesen wäre, herrschte doch eine frostige Zugluft. Die Schritte hallten laut und mißtönig wider in der leeren Wohnung, und die Stimmen der Leute, die da aus und ein gingen, um das zu zerstören, was einmal ein Heim gewesen war, gaben ein lautes, rauhes und unnatürliches Echo zurück.
Adele Altwirth hatte nun alles hergerichtet und zum Transport bereitgestellt. Einige Koffer, die sie mit auf die Reise nehmen wollte, standen fast fertig gepackt in einem der halbleeren Zimmer. Morgen früh sollten die Männer kommen und alles zum Spediteur bringen. Und noch am gleichen Abend sollte sie von Innsbruck abreisen. So hatte es der Rat Leonhard angeordnet.
Der alte Herr war soeben bei Adele gewesen und hatte ihr dies alles mitgeteilt. Kurz und bündig und ohne Umschweife ... wie es seine Art war. Und trotzdem hatte er eine bange Sorge um die junge Frau. Sein Blick, mit dem er scharf beobachtend auf sie sah, hatte etwas Angstvolles in seinem Ausdruck.
„I weiß nit ... ob man Ihnen überhaupt allein reisen lassen kann ...“ sagte er in seiner gewöhnlichen mürrischen Art. „Sie schauen mir nit darnach aus ... als ob Sie überhaupt wissen täten, was Sie wollen!“ fügte er besorgt hinzu.
Adele lächelte wehmütig. „Doch ... Herr Rat ...“ sprach sie leise. „Ich soll nach München fahren ... haben Sie gesagt.“
„Ja ... und noch weiter fort, wenn möglich!“ sagte er energisch. Er entwickelte eine ganz ungewöhnliche Energie in dieser Zeit, der alte Herr. Er hätte es sich selber gar nicht zugetraut, wieviel Kraft und Interesse er noch imstande war, für ein anderes Wesen aufzubringen.
„Aber in München ... haben Sie da wohl jemand, der sich ein bissel um Ihnen bekümmert?“ fragte er dann neuerdings besorgt nach einer kleineren Pause. „Mir ist alleweil ... als wenn’s besser wär’ ... daß jemand mit Ihnen fahren tät’. Vielleicht ... wenn’s nit gar so weit wär’ ... dann könnt’ ich ...“ setzte er mit einiger Unsicherheit hinzu.
Eine Fahrt nach München und überhaupt eine Reise wäre für den alten Sonderling ein ganz ungeheures Unternehmen gewesen. Schon seit vielen, vielen Jahren war der Rat Leonhard nicht mehr aus Innsbruck hinausgekommen. Daß er jetzt diesen Gedanken in Erwähnung zog, bezeugte, in wie schwerer Besorgnis er wegen Adele war.
Adele Altwirth beruhigte den alten Herrn. Sie fühle sich ganz wohl ... sagte sie ... und würde sicher auf sich selber achten. Und in München habe sie schon ein paar Bekannte, zu denen sie gehen könne. Der Herr Rat solle sich ihretwegen keine Sorge mehr machen. Sie werde sicher ganz zurechtkommen und auch mit der Zeit wieder ganz ruhig werden. Aber Adele glaubte das alles, was sie sagte, selber nicht. Und der Herr Rat war auch nur für den Augenblick beruhigt.