Später ... als er von Adele gegangen war ... reifte der Entschluß immer mehr in ihm, für alle Fälle einmal einen Koffer bereit zu halten, um dann doch vielleicht mit ihr zu fahren. Vorderhand aber wollte er diesen heroischen Entschluß nicht auf die Spitze treiben. Dazu war ja morgen noch immer Zeit genug. Mußte nicht gerade jetzt sein ... beschwichtigte er sich selber.

Und dann schlich er ... in tiefes Nachdenken versunken ... langsam dahin. Den Kopf leicht zur Seite geneigt und die Hände am Rücken, und machte ein unsagbar verbissenes und zuwideres Gesicht ... der alte Herr ...

Es war am frühen Nachmittag, als der Rat Leonhard Adele verlassen hatte. Nun war sie allein in der halbleeren Wohnung und sah sinnend auf die Verwüstung, die in den letzten Tagen hier entstanden war.

Durch die kahlen, verstaubten Fensterscheiben lugte die Sonne. Suchte mit ihren Strahlen zu vergolden, was es an diesen traurigen Überresten noch zu vergolden gab. Sie fand nichts als das weiche, aschblonde Haar der jungen Frau. Und sie spielte mit ihm ... und wob einen feinen Strahlenkranz um ihr Haupt.

Bleich und müde saß Frau Adele in der Nähe des Fensters, auf einem der vielen Stühle, die verstreut und in Unordnung umherstanden. Tief nach vorne gebeugt und die Arme auf die Knie gestützt ... so saß Adele lange Zeit und starrte immer vor sich hin ...

Doktor Storf war zu ihr gekommen, um sie in sein Haus zu bitten. Sie sollte bei den Storfs wohnen, solange sie noch in Innsbruck war. Jetzt stand er vor ihr und brachte fast demütig seine Bitte vor. Auch Adele hatte sich erhoben und sah mit einem langen, traurigen Blick auf den Freund. Es war ihr mit einem Male so seltsam schwer zumute.

„Wollen Sie nicht zu uns kommen ... Frau Adele?“ bat Max Storf neuerdings. „Jetzt ... heute können Sie doch nicht mehr hier bleiben in dieser Wüste.“ Er versuchte es, einen leichten, scherzhaften Ton anzuschlagen. Aber seine Stimme klang gepreßt, und sein Blick war unruhig und unsicher.

„Ich reise morgen abend ...“ sagte Adele ruhig.

„Morgen schon?“ Erschrocken und bestürzt sah sie der Arzt an. „Schon morgen ... können Sie nicht ... Adele ... ich bitte Sie ... noch ein paar Tage ...“ fügte er verwirrt und stockend hinzu.

„Ein paar Tage ... und dann ... wir müssen uns ja doch einmal trennen ... Max.“ Adele sagte das weich und innig. Es war das erste Mal, daß sie ihn bei seinem Vornamen nannte.