Und immer weiter ging sie ... immer höher empor. Und je weiter sie ging, desto leichter wurde es ihr. Fort ... Nur immer höher die Berge hinan.
Das Atmen wurde hier so leicht, und der schwere Druck löste sich allmählich von ihrer Seele. Nun war sie hoch oben ... hatte die Stadt tief zu ihren Füßen liegen.
Wie herrlich es hier oben war ... Wie frei und gottesnahe ... Sie wollte weiter gehen ... viel weiter ... fort ... und nie mehr wiederkehren ... nie mehr ...
Drunten im Tal lag die Stadt. Tief und ernst und schweigsam. Die Schatten senkten sich auf sie hernieder ... machten sie noch ernster und stiller.
In nordischer Pracht erstand im Süden die stolze, spitze Zacke der Serles. Reckte sich in den blauen Abendhimmel hinein ... kalt und vornehm und majestätisch.
Und golden schien die Sonne im Westen. Küßte noch ein letztes Mal mit ihren Strahlen alle Berge und Spitzen, küßte die tief verschneiten Wälder und Bergdörfer und neigte sich langsam zum Untergang. Wie grüßend spielte sie noch mit dem blonden Haar der hochgewachsenen Frau ... die langsam ... aufrecht und gelassen weiterschritt ... der Fremde entgegen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Die Innsbrucker hatten wenig Mitleid mit dem Schicksal der Sophie Rapp. Kein Mensch kümmerte sich um sie. Niemand suchte sie auf.
Nur die Ennemoserin war zu ihr gekommen. Gleich nachdem sie von dem Unglück erfahren hatte. Sie hatte die Pflegetochter aufgesucht in ihrer Schande und hatte mit ihr geweint. Denn Sophie Rapp konnte nicht viel sprechen. Sie weinte nur ... weinte ...