Und Sophie Rapp betete. Sie betete mit dem alten Glauben ihrer Kindheit. Sie betete um das Ende ... daß es bald nahe ... daß es sie mit jenen vereinigen sollte, die sie lieb gehabt hatte auf Erden.

Langsam strichen die Tage dahin. Endlos langsam. Dem Frühling folgte der Sommer und dem Sommer der Herbst.

Als der Winter seine rauhe Herrschaft angetreten hatte, als der Eiswind brauste durchs Tal mit Sturm und Macht ... und an den schwer vergitterten Fenstern rüttelte, als wünschte er, allen den reuigen und nicht reuigen Büßerinnen da drinnen die Freiheit wieder zu bringen ... da legte sich Sophie Rapp zum Sterben.

Sie hatte ihn schon lange gefühlt, den stechenden Schmerz. Sie wußte, daß er an ihrem Lebensmark zehrte ... daß ihre Kraft abnahm von Tag zu Tag. Eingefallen und hohlwangig sah sie aus und abgezehrt und mager. Aber ihre Augen leuchteten im unnatürlichen Feuer ... leuchteten von der Fieberglut, die ihr Leben vernichtete.

Nur mühsam konnte sie sich noch dahinschleppen, und ein bellender, trockener Husten erschütterte ihren verfallenen Körper.

Galoppierende Schwindsucht konstatierte der Arzt. Ihr Leben konnte nur mehr Tage dauern.

Der Priester kam, um ihr die letzten Sakramente zu spenden. Friedlich und wie verklärt lag Sophie Rapp in ihren Kissen. Sie war so glücklich und so zufrieden, daß es nun zu Ende ging.

Viele Stunden lang schlief sie. Dann bat sie ... daß man die alte Schwester Salesia zu ihr rufen möge.

Es war ein mäßig großes Zimmer, in dem Sophie lag. Rein und sauber, aber kahl und nüchtern. Ohne Schmuck und ohne Zierde. Ein großes Kreuz hing über dem Bette. Mit mildem, verzeihendem Blick sah der sterbende Heiland hernieder.

Das Bett stand frei in der Mitte des Zimmers. Nur das Kopfende war an die Wand gerückt. Ein kleines, weißgedecktes Tischchen war in der Nähe. Darauf standen eine große Wachskerze und ein Glas Wasser. Neben dem Bette hing ein kleiner zinnerner Weihbrunnkessel. Das war alles.