Zu Füßen des Bettes saß die Schwester Salesia und betete den Rosenkranz. Ihre Hände, die knochig und runzlig waren und vom Alter gegerbt, zitterten leicht. Ihre Lippen bewegten sich im lautlosen Gebete. Perle um Perle ließ die alte Schwester von dem Rosenkranz fallen und sah dabei mit einem Blick, der immer ängstlicher wurde, auf die Sterbende ... beobachtete jeden Zug und jede Veränderung in dem verfallenen Gesicht.
Wie jung die Sophie aussah. Noch immer jung und hübsch. Trotz allem. Das braune Gesichtchen war eingefallen und länglich geworden ... die Lippen waren voll und brennend rot ... zu rot.
Die alte Schwester mit dem rührend guten Gesicht, durch das jetzt viele ungezählte Furchen zogen, sah mitleidig auf das kranke Weib, das in heißen Fieberträumen wiederholt unruhig und schmerzhaft aufstöhnte.
Immerfort mußte die Schwester auf die Kranke sehen ... sie anschauen ... und in ihren Zügen die schwere Schuld lesen, die sie auf sich geladen hatte.
So waren die beiden ganz allein ... viele ... viele Stunden lang. Bis der Abend kam und eine junge Schwester die Alte ablöste, um die Nachtwache bei der Sterbenden anzutreten.
Noch nie hatte Sophie das Bewußtsein erlangt, seit die Schwester Salesia bei ihr war. Sie dämmerte nur so dahin oder warf sich unruhig und gequält im Bette herum.
„Schwester ...“ bat die alte Klosterfrau flüsternd ... „tun’s mir’s sagen ... wenn’s zu Ende geht mit ihr. Tun’s mich rufen. Wissen’s, ich hab’ sie als Kind kennt. Ist nit schlecht g’wesen ... die Sophie ...“ sagte sie mit zitternder Stimme. „G’wiß nit. Nur a bissel wild ... a bissel zu wild ...“ fügte sie entschuldigend hinzu.
In den Morgenstunden ... als die Glocken der Kirche zur Frühmesse läuteten, kam die junge Schwester, die alte Klosterfrau zu holen.
Sophie lag jetzt ganz ruhig da ... mit offenen Augen und bei klarem Bewußtsein. Sie fühle sich viel wohler, sagte sie.
Schwester Salesia hatte ihren Stuhl ganz nahe an das Bett gerückt und hielt die heiße, trockene Hand der Kranken in ihrer eigenen.