„Nix!“ sagte Sophie über eine Weile.

„Sag’ die Wahrheit, Sophie Zöttl!“ gebot die Oberin.

Sophie sah sich hilflos um. Dort neben der Oberin stand ihre alte Freundin und hielt die Augen zu Boden gesenkt. Sie gab ihr kein Zeichen, was sie tun sollte. Und alle Kinder standen schweigend im Halbkreis um sie und sahen verlegen und etwas ängstlich drein.

„Sag’ die Wahrheit!“ gebot die Oberin.

„Ich hab’ zwei Hund’ g’sehen ...“ erzählte jetzt das Kind mit lauter Stimme. „Einen braunen, ein Dackel war’s, und einen großen zottigen. Den Dackel, den kenn’ ich schon lang, und den hätt’ ich gern mitg’nommen, wenn ich dürft hätt’. Aber die Schwester hat’s verboten.“ Dabei zeigte das Mädchen mit dem Finger auf die junge Klosterschwester, welche die Kinder bei den Spaziergängen beaufsichtigte. Die junge Schwester hatte sich schon die ganze Zeit her versteckt in eine Ecke gedrückt.

„Ist das alles, Sophie Zöttl?“ frug die Oberin streng.

„Nein, nit alles. Deswegen haben’s nit g’lacht, die Kinder.“ Das Mädchen wurde nun schon wieder selbstbewußter. Die Verlegenheit war geschwunden. Sie hatte eigentlich jetzt keine Angst mehr vor der Oberin. Die war ja gut, das wußte sie. Und die Oberin konnte es gewiß auch begreifen, daß man einen netten, kleinen, lustigen Hund zu stehlen wünschte. Und jetzt konnte sie ihr auch das übrige erzählen. Dann würde sie die Oberin auch so zum Lachen bringen, wie die Mädchen. Und die Sophie erzählte es ganz genau, was sie den andern gesagt hatte. Erzählte, wie sie die beiden Tiere bei ihrem Spiel beobachtete. Und sie habe es nur bedauert, daß kein Weibchen dabei war. Sonst würde es kleine junge Hunderln abgeben.

Für einen Augenblick war die Oberin sprachlos. Sie war so empört über die Verderbtheit des Kindes, daß sie keine Worte finden konnte. Nur mühsam konnte sie ihre Aufregung niederkämpfen.

Dann aber brach das Unwetter los. Im hohen Zorn hieß sie das Kind ein diebisches Zigeunermädel, das nicht wert sei, mit den andern gesitteten Kindern zusammen zu leben. Wie Peitschenhiebe mitten ins Gesicht trafen die harten Worte das Kind.

Die Oberin sah die Veränderung, die mit dem Kinde vorging. Auch die drohende Haltung und die haßverzerrten Mienen entgingen ihr nicht. Sie war wieder eine kluge Frau und auch bestrebt, gerecht zu sein. Sie sah, daß sie mit ihren Worten das Kind tiefer getroffen hatte, als sie beabsichtigte. Aber sie empfand die Äußerungen des kleinen Mädels als etwas so unerhört Schamloses, daß sie es für ihre heilige Pflicht hielt, dieses verderbte Kind von den andern fern zu halten. —